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"Die Situation ist wirklich dramatisch" - 11.08.11

Die Lage im Dürregebiet von Nordkenia spitzt sich zu (im Bild ein unterernährtes Kind in Bubisa, Region Marsabit)Die Lage im Dürregebiet von Nordkenia spitzt sich zu (im Bild ein unterernährtes Kind in Bubisa, Region Marsabit)

Der österreichische Caritas-Katastrophenhelfer Florian Lems ist derzeit im Dürregebiet von Marsabit/Nordkenia im Einsatz und schildert im Interview die derzeitige Lage und die Hilfsmaßnahmen für die Betroffenen der Hungerkatastrophe:

Wie geht es den Menschen?

 Die Situation hier in Nordkenia ist wirklich dramatisch. Ich habe mit Menschen gesprochen, die seit drei Wochen mit zwei Kanistern Wasser auskommen müssen. Eine Frau hat mir erzählt, dass sie häufig nur einmal pro Tag etwas Mais für ihre fünf Kinder kochen kann, manchmal gibt es gar nichts zu essen. Die Menschen berichten, dass es seit drei Jahren nicht mehr geregnet hat. Die meisten hier ansässigen Viehnomaden haben deshalb bereits den Großteil ihrer Kühe, Schafe und Kamele verloren, und damit ihre Lebensgrundlage. Sie hungern und brauchen dringend Hilfe, es gibt bereits einige Fälle stark unterernährter Kinder denen sofort mit Spezialnahrung geholfen werden muss.

Was wird am dringendsten gebraucht?
Wasser und Lebensmittel. Ganze Halbnomaden-Gemeinden sitzen mitten in der Wildnis fest. Wo früher Weideland und Wasser war, ist jetzt eine riesige Steinwüste. Die Menschen können nicht mehr weg, weil die wenigen Kamele, die noch nicht verendet sind, zu schwach sind. Deshalb können sie auch kein Wasser mehr holen. Von einem Dorf, das ich besucht habe, ist der nächste Brunnen 65 Kilometer entfernt, das ist einfach zu weit. Immer wieder bekommt man von den Menschen zu hören: "Jetzt sterben unsere Tiere. Als nächstes sterben wir." Es ist deshalb dringend notwendig, diese Menschen mit Wasser und Nahrung zu versorgen, damit sie wieder zu Kräften kommen.

Wie kann die Caritas helfen?
Gemeinsam mit unseren lokalen Caritas-Partnerorganisationen versorgen wir jetzt Tausende Menschen mit Wasser und Lebensmitteln. Das ist in dieser Phase der Katastrophe am wichtigsten, denn die Menschen brauchen diese Nothilfe zum Überleben. Wenn die Schule hier im September beginnt, wird es durch die Hilfe der Caritas und Spenderinnen und Spender aus Österreich warme Mahlzeiten an sieben Schulen geben, drei davon erhalten zusätzlich Wasser. Der Bedarf ist wirklich enorm. Es geht aber auch darum, die Menschen eine Zukunftsperspektive zu geben. Die Zahl der Dürren steigt, deshalb muss langfristig vorgesorgt werden. Wir arbeiten daran, mehr Brunnen und natürliche Sammelbecken für Wasser zu bauen. Ein weiteres Thema ist es, den Viehbestand wieder aufzustocken. Die Tiere sind die Lebensgrundlage der Viehnomaden hier, ohne sie können sie nicht überleben. Ich habe einen Mann getroffen, der vor der Dürre 100 Kühe hatte. Kein einziges Tier hat überlebt.

Die Katastrophe war doch absehbar, warum wurde sie nicht verhindert?
Ja, diese Katastrophe war tatsächlich absehbar. Deshalb haben verschiedene Organisationen, auch die Caritas, bereits mehrmals Alarm geschlagen. Der Regen ist beispielsweise hier in der nordkenianischen Region Marsabit seit drei Jahren ausgeblieben, in einer solchen Situation kann man an zwei Fingern abzählen, dass es zu einer Hungersnot kommen wird. Hinzu kommen die Nahrungsmittelpreise, die im vergangenen Jahr weltweit extrem gestiegen sind. Doch die Weltgemeinschaft, die Hilfsgüter in großem Stil bereitstellen kann, hat nicht auf die Hilferufe reagiert. Wie so oft in der Vergangenheit, gibt es Geld für Hilfsmaßnahmen erst, wenn die Katastrophe schon da ist. Die Caritas ist in der Region mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln schon mehrere Jahre aktiv und die Vorsorgemaßnahmen - etwa die Getreidespeicher in Südäthiopien - sind jetzt auch für viele Menschen überlebenswichtig.

Was sind die größten Herausforderungen in der humanitären Hilfe?
Jetzt geht es darum, so schnell und unbürokratisch wie möglich Hilfe in die betroffene Region zu bringen. Das deckt alle Bereiche ab: Lebensmittel und Wasser, aber auch medizinische Hilfe, spezielle Ernährungshilfe für Kinder und für stillende oder schwangere Frauen. Aufgrund des Ausmaßes der Hungersnot und der Zahl der Betroffenen ist das eine riesige Herausforderung, zumal ein Ende des Hungers noch lange nicht in Sicht ist. Zugleich muss aber auch der Brückenschlag zur Rehabilitation und Vorsorge geschafft werden. Wenn wir es nicht gemeinsam schaffen, den Menschen hier langfristig Zugang zu sauberem Wasser, Nahrung und auch Bildung zu geben, ist die nächste Katastrophe vorprogrammiert. Denn als Folge der globalen Klimaerwärmung bleibt der Regen hier immer öfter aus.

Welches Erlebnis hat Sie persönlich während Ihres bisherigen Einsatzes bisher am meisten berührt?
Als ich den Ort Bubisa besucht habe, haben mich die Menschen zu einer Frau gebracht, deren Kind stark unterernährt ist. Der Bub, Jillo, ist drei Jahre alt, sieht aber aus wie ein Baby. Er ist viel zu klein für sein Alter. Er war völlig apathisch und hat geweint. Die Mutter war den Tränen nahe und hat sich geschämt, ihr eigenes Kind nicht ernähren zu können. In der Hütte dieser Frau habe ich gesehen, wie es Tausenden Kindern hier gehen wird, wenn ihnen nicht sofort geholfen wird.


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Kennwort: Hungerhilfe
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Nachbar in Not
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