Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Der Nährboden für Verzweiflung in Nordafrika

14.03.17

Mag.a (FH) Andrea Mayrhofer (li.) und Barbara Pichler vom Projekt "Dialog St. Georgen" organisierten den Länderabend mit Dr. Werner Ruf auf Kassel.

 

Das Caritas-Projekt „Dialog St. Georgen“ lud zu einem Länderabend, bei dem Politikwissenschafter Dr. Werner Ruf erklärte, wie Fluchtbewegungen aus Nordafrika  mit der früheren Kolonisation und der aktuellen Weltwirtschaft zusammenhängen. Ruf ist Experte für die sogenannten „Maghreb-Staaten“: Marokko, Algerien und Tunesien.

Präsident Thomas Sankara ist für die Menschen in Burkina Faso ein Held. Als er mit 33 Jahren Präsident wurde, leitete er einen Umbruch im Land ein. Sein Ziel war, eine moderne Demokratie zu schaffen: Er startete ein landessweites Impfprogramm, verbot Beschneidungen und holte Frauen in führende Regierungspositionen. Er investierte in die Bildung und führte das Land in die Lebensmittelunabhängigkeit – eine Unabhängigkeit, die missfiel. Thomas Sankara wurde vom französischen Geheimdienst nach vier Jahren Amtszeit erschossen. Dieses Beispiel ist nur eines von vielen, das der Kasseler Politikwissenschafter Dr. Werner Ruf beim Länderabend in St. Georgen brachte um deutlich zu machen, wie Europa in der Vergangenheit Abhängigkeiten in Afrika erzeugt habe, die bis in die Gegenwart wirken.

Erste Migrationswelle war von Nord nach Süd

Die Siedlungskolonisation in Algerien Anfang des 19. Jahrhunderts sei die erste Form von Migration gewesen – jedoch von Norden nach Süden, erklärt Dr. Werner Ruf. In die Kolonien seien jene Menschen geschickt worden, die man in Frankreich nicht haben wollte. Im Gegensatz zu heute gaben damals jene, die „neu“ ins Land kamen, den Ton an. Die Migration von Süden nach Norden begann erst im 1. Weltkrieg, als Frankreich Soldaten aus den Kolonien rekrutierte. So kamen erstmals Algerier nach Europa, die nach Kriegsende blieben.

Auch Marokko sei nur wegen seiner Bodenschätze kolonisiert worden, sagt Dr. Ruf. Auf Kosten der afrikanischen Bevölkerung hole man sich noch heute den Wohlstand von Marokko nach Europa. 70% des Urans, das französische Atomkraftwerke brauchen, stamme aus dem Niger. Dieses werde durch Tagebau erwirtschaftet – mit den Folgen, dass der Wüstenwind den giftigen Uranstaub über das Land bis nach Senegal verteile. Das Wasser in Brunnen sei nicht mehr trinkbar. Den Metallschrott aus den Uranfabriken verwerte die Bevölkerung. Sie stelle daraus Gebrauchsgegenstände wie Kochtöpfe her -  die natürlich ebenso uranverseucht seien.

Aktuelle Wirtschaft verschärft Situation

„Großkonzerne wie ESSO bestimmen die französische Afrika-Politik“, sagt Ruf. Saudi-Arabien und China würden sich Bodenflächen sichern und dort tausende Kubikkilometer Wasser aufstauen, um Biosprit für den Weltmarkt anzubauen. Wertvolles Wasser, das den Menschen in der Landwirtschaft und zum Leben fehle. Verschärft werde die Lebenssituation der Menschen ebenso durch Freihandelsabkommen. Durch den Abbau der Zölle für den Import würde der afrikanische Markt billig mit unseren Waren überschwemmt. Durch die fehlenden Zölle würden afrikanische Staaten weniger Einnahmen haben und somit Geld, das in Infrastruktur und Bildung investiert werden könne. Somit hinke Afrika den Industrieländern immer weiter nach. Die Politik der nordafrikanischen Staaten setze dem noch eins drauf und fördere sogar die Investitionen europäischer Firmen. „Wer zum Beispiel in Tunesien investiert bekommt 20 Jahre Steuerfreiheit. Das bekommen die kleinen tunesischen Firmen nicht.“

Endstation Hoffnungslosigkeit

Den Menschen in Afrika werde auf diesem Weg systematisch jede Lebensgrundlage entzogen. Zurück würden Elend und Perspektivenlosigkeit bleiben - ein Nährboden für Verzweiflungstaten. „Die Menschen wissen, dass sie bei der Flucht ertrinken können. Bei der Wahl zwischen dem sofortigen Sterben im Mittelmeer oder dem ,Sterben auf Raten‘ in ihrer Heimat, greifen trotzdem viele nach dem Funken Hoffnung“, so der Politikwissenschafter. Eine weitere Alternative seien Terrororganisationen. Sie würden perspektivenlosen Jugendlichen nicht nur religiöse Wahnideen, sondern vor allem Geld anbieten: „Ich habe in Südtunesien erlebt, wie Werber von Terrororganisationen mit Taschen voller Geld auf der Straße stehen. Ein Jugendlicher, der zum IS geht, bekommt 6000-8000 Dollar Handgeld und 600 Dollar Sold pro Monat.“

Wenn im arabischen Frühling 2010/11 das Schlagwort „Würde“ kursierte, assoziiere man in Europa damit Redefreiheit, Meinungsfreiheit und eine freie Presse. Für die Menschen in den Maghreb-Staaten aber hätte „Würde“ einen stark materiellen Kern: „Ein anständiger Lohn, ein Auskommen mit dem man leben und den Kindern eine Ausbildung finanzieren kann.“

Vor diesen Hintergründen lasse sich nur mehr schwer zwischen politischen Flüchtlingen und „Wirtschaftsflüchtlingen“ unterscheiden, meint Ruf. Und auch den Islam sieht er bei dieser Entwicklung als den Schuldigen außen vor: „Es geht nicht um den Islam – Muslime sind die ersten, die es durch schlechte Lebensbedingungen, durch Anschläge etc. trifft. Es geht um Ökonomie.“

Info: Die meisten Flüchtlinge, die in Österreich einen Asylantrag gestellt haben, kamen auch 2016 aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Aus Marokko und Algerien stellten im Vorjahr 2.060 Menschen einen Asylantrag in Österreich. Das sind 5 Prozent der Asylwerbenden. Nur ein Bruchteil der Flüchtlinge weltweit kommt nach Europa. 86% aller Flüchtlinge außerhalb des Herkunftsstaates haben 2015 Schutz in Entwicklungsländern gefunden.