Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Der Alltag läuft ohne Untertitel

07.06.17

Ying Ni gebärdet mit zwei Kindern

Foto: Im Zentrum für Hör- und Sehbildung ist Ying Ni als „Native Speaker“ der Gebärdensprache für die gehörlosen Kindern da.

 

Ausschweifende Gestik liegt den Menschen in Österreich in der Regel nicht im Blut. Für gehörlose Menschen werden die Hände hingegen zum stärksten Kommunikationsmittel.

An der Wursttheke im Supermarkt steht eine Chinesin. Sie deutet auf einen Schinkenaufschnitt und hebt die Hand mit vier ausgestreckten Fingern. Dann zeigt sie auf das Gebäckregal hinter der Theke. Die Verkäuferin zieht die Augenbrauen zusammen, macht eine kurze Pause und versucht, die Situation zu enträtseln. Dann versteht sie. „Ah. Sie möchten vier Scheiben in das Weckerl haben?“, fragt sie. Die Chinesin nickt. Kurz bevor sich die Verkäufern umdreht, macht sie noch ein Zeichen und hebt zwei Finger. Die Frau hinter der Theke ist schnell von Begriff. „Und zwei Gurkerl hinein?“ Ying Ni nickt.

So mühelos verläuft nicht jeder Einkauf für die gehörlose Frau. Manche halten sie aufgrund ihrer Herkunft für eine Touristin und sprechen Englisch. Wenn ihre Kinder dabei sind, wendet sich das Verkaufspersonal oft an diese als Übersetzer. Gehörlos zu sein bedeutet Hürden im Alltag zu haben, die sich hörende Menschen nicht vorstellen können. Beim Elternabend, im Hörsaal oder beim Kinderarzt – jede Situation braucht eigene Lösungswege. Für die selbstbewusste Ying Ni in der Regel kein Problem. Sie ist es gewohnt, sich in die hörende Welt hinein zu begeben. Sie weiß, wie sie Kommunikationsprobleme lösen kann. Umgekehrt ist es schwieriger. Wenn hörende Menschen auf sie treffen, verfallen sie oft in eine Schockstarre und wissen nicht, wie sie mit ihr umgehen sollen. Dann muss Ying Ni sie beruhigen und ihnen vermitteln: Wir finden schon eine Lösung.

Lösungen gibt es in ihrem Leben genug. Wenn zuhause die Türglocke läutet, blinkt im Wohnzimmer die Deckenlampe. Als ihre Kinder noch klein waren, funktionierte das Babyfon ebenfalls mittels Leuchtsignalen. Und zum Telefonieren gibt es den RelayService, einen Telefonvermittlungsdienst, der mittels Videochat den Gehörlosen eine Stimme gibt – allerdings nur wochentags. Wenn es in der Nacht oder am Wochenende zu einem Notfall kommt, kann der Service nicht helfen.

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