Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Ablenkungsmanöver - Ein Gastkommentar zum Welttag der sozialen Gerechtigkeit

20.02.18

Foto: Caritas/Wakolbinger

Gastkommentar von Franz Kehrer, MAS, Direktor der Caritas in Oberösterreich, zum Welttag der sozialen Gerechtigkeit am 20.2.2018 in den Oberösterreichischen Nachrichten.

In seiner erstmaligen Botschaft zur Eröffnung des Weltwirtschaftsforum 2014 lobte der Papst die Erfolge des modernen Unternehmertums und forderte zugleich eine gerechtere Verteilung des globalen Wohlstands. Franziskus erinnerte an die „klare Verantwortung gegenüber anderen, vor allem denjenigen, die am zerbrechlichsten, schwächsten und verwundbarsten sind“. Leider können viele Menschen diese wichtige Botschaft nicht mehr hören. Sie haben einen relativ guten Lebensstandard, und das ist gut so. Aber das gemeinsame Verständnis, dass das bei uns vor allem neben einer florierenden Wirtschaft einem funktionierenden Sozialstaat zu verdanken ist, ist nicht mehr selbstverständlich.  Das Schüren von Neid und Missgunst gegenüber Menschen, die ohnehin nicht viel haben, ist ein taktisches Ablenkungsmanöver. Damit wird uns Sand in die Augen gestreut, um nicht mehr klar sehen zu können, wo die wahren Probleme liegen, die endlich ernsthaft angepackt werden müssen: eine ungezügelte globale Finanzwirtschaft, Steueroasen, ungebremst weiter steigende Immobilien- und Mietpreise sowie Vermögens-Konzentration in den Händen einzelner weniger.

Vernebelt wird damit auch, dass wir alle von einem gut ausgebauten Sozialstaat profitieren. Denn wer überlegt sich schon, wie wir unser Leben finanzieren würden, gäbe es keine Familienbeihilfe, kein Kinderbetreuungsgeld, keine Krankenversicherung, keine öffentlich finanzierten Spitäler, Altersheime, Pflegedienste, kein Arbeitslosengeld oder keine Pension? Und nicht zuletzt sind stabile Verhältnisse und Kaufkraft wesentliche Voraussetzungen für wirtschaftliche Erfolge.

Wir müssen klar sehen, dass sich der Einsatz für soziale Gerechtigkeit und Solidarität für uns alle lohnt und beherzt gegen allgemeine Behauptungen auftreten, dass mit Kürzungen bei den Ärmsten unser Sozialstaat gerettet werden muss.  In Oberösterreich erleben wir bereits in den Caritas-Beratungsstellen, dass immer mehr Familien mit mehreren Kindern Hilfe brauchen, weil sie von der erfolgten Deckelung der Mindestsicherung betroffen sind. Wir können mit Spenden aber nur die akute Notlage überbrücken helfen. Denn angesichts der steigenden Mietpreise wird es für Menschen mit geringem Einkommen zunehmend zu einem wahren Kunststück, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. In Bezug auf diese wichtige Grundfunktion des Sozialstaates, für leistbaren Wohnraum zu sorgen, ist sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene  wenig zu hören. Im Gegenteil – die Mietpreise sollen noch mehr liberalisiert werden.

Lassen wir uns daher nicht ablenken vom Ziel der sozialen Gerechtigkeit hier bei uns und global, das allen Menschen gleiche Chancen eröffnet ein Leben in Würde zu führen.