Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Spielend fürs Leben lernen - Fachtagung für KinderpädagogInnen

22.02.18

Ganz der „Quelle der Lebendigkeit“ widmete sich die Fachtagung für KinderpädagogInnen (KIFO) am 20. und 21. Februar im Atrium in Bad Schallerbach.

Unter dem Motto „Spielen. Leben. Lernen“ beschäftigte sich die KIFO 2018 damit, wie das Spiel zum guten Leben beiträgt und Kinder spielend das Leben besser meistern können. „Spiel ist für mich gesellschaftlich immens produktiv und sicher nicht, wie landläufig gedacht, jene Zeit mit der wir nichts Besseres anzufangen wissen und uns ablenken“, leitete Mag.a Edith Bürgler-Scheubmayr, Geschäftsführerin der Caritas für Kinder und Jugendliche, die Tagung ein. „In jeder Lebensphase vom Kleinkind bis ins hohe Alter gibt Spiel positive Lebensenergie, ist Lernerfahrung, Training, soziales Erleben, bei sich sein  und vieles mehr.“ Gleichzeitig zeigte sie sich angesichts der Rahmenbedingungen in der Kinderbetreuung gespalten. „In diesen Tagen komme ich nicht daran vorbei, dass es in der Landschaft des Kindergartens in OÖ ziemlich herausfordernd ist. Die Einführung des Elternbeitrags am Nachmittag ist kein Spiel zum Üben“, betonte sie. „Ich bin berührt und stolz, wie alle versuchen, die Situation zum Wohl der Kinder und Eltern irgendwie zu administrieren und damit allerdings wieder mal dienstbeflissen Lösungen für die Politik zu suchen. Doch alles hat seine Grenzen. Wir müssen weiter dran bleiben, den politischen Verantwortlichen klar zu machen, dass frühe Bildung von Kindern einen extrem hohen Wert für alle  hat.“

Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer setzte in seinen Grußworten ein Plädoyer für die Wichtigkeit des Spiels abseits ökonomischen Denkens. „Das Spiel ist unverzweckte Lebendigkeit, jenseits von Kosten-Nutzen Rechnungen“, so Scheuer. „Ohne diese heilige ‚Warumlosigkeit‘ wird Erziehung und Bildung vor einen ökonomischen, politischen oder auch militärischen Karren gespannt.“ Ohne Dankbarkeit, Staunen und das Spiel sei das Leben eindimensional, leer und beziehungslos.

In Vorträgen referierten Dr. phil. Christoph Quarch und Prof. Dr. habil. Andre Frank Zimpel über die Bedeutung des Spiels in der heutigen Zeit – nicht nur in der Kinderpädagogik, sondern auch im Alltag und für Erwachsene. Dr. phil. Christoph Quarch stellte dem Menschen, der „im Spiel“ mit der Welt ist, den „homo oeconomicus“ gegenüber und plädierte dafür, das Spiel vor diesem zu retten. Nicht nur die Arbeit, sondern das ganze Leben würde immer mehr ökonomischen Kriterien unterworfen. Daraus entwickelten sich keine beziehungsfähigen Menschen, sondern rationale Egoisten, die jede Handlung der Frage unterwerfen, welchen Vorteil sie selbst daraus hätten. Das Spiel hingegen bereichere das Leben mannigfaltig. „Im Spiel erleben wir Verbundenheit – man spielt immer mit jemandem – Freiheit und schöpferische Kreativität. Spielräume sind Räume für Möglichkeiten, in denen wir uns erproben können“, erläuterte Quarch. „Spielend werden wir zu denen, die wir sein können.“ Der homo oeconomicus hingegen wolle optimieren und jede Minute an Zeit verzwecken. Spiele böten dazu einen Gegenpol als „Inseln der Menschlichkeit“.

Prof. Dr. habil. André Frank Zimpel fügte hinzu, dass das Spiel zudem auch Quelle der Intelligenzleistung sei – nicht zuletzt emotionaler Intelligenz. Ein neugeborenes Kind hätte die Veranlagung, alles zu lernen. Nach dem Motto „Use it, or lose it“ sei es zwar verständlich, dass manche Eltern ihr Kind von Förderstunde zu Förderstunde schickten - vergessen werde dabei jedoch, dass die tiefgehendsten Lern- und Entwicklungserfahrungen über die Emotionen stattfänden. „Das Spiel bedeutet, Freude an der Anstrengung zu haben. Gleichzeitig üben Kinder im Spiel ständig Selbstkontrolle“, meint Zimpel. Diese Impulskontrolle helfe in allen Belangen des Lebens. Vorschulkinder sollen daher immer „im Spiel“ sein; Schulkinder sollen die Hälfte ihrer Zeit spielen und Erwachsene immer noch ein Drittel. Als „Spiel“ definierte er dabei verschiedenste Beschäftigungen auch abseits des klassischen Spiel-Verständnisses. Ein Spaziergang gehöre ebenso dazu wie Lesen als Muße. „Lesen kann genauso der Arbeit oder dem Lernen zugehörig sein“, so Zimpel. „Liest man jedoch rein für den Selbstzweck, und spaziert man rein für den Selbstzweck, ohne ihm ein Ziel zuzuordnen, ist es eine spielerische Handlung.“

Als entspannten Tagesabschluss setzte Prof.in DDr.in Katharina Ceming philosophische Impulse für mehr Gelassenheit. Sie zeigte, dass schon die griechischen Philosophen nach Gelassenheit suchten und rechnete mit dem Hype um Entspannungsübungen ab. „Maßnahmen zur Stressreduktion greifen nur dort, wo es um den Stress geht, den man sich selbst macht – bei Stress, der aus einer strukturellen Komponente entsteht, wirken sie nicht“, betonte Ceming. „Es geht um die Bereiche, in denen wir selbst Einfluss auf unsere Lebensgestaltung nehmen können.“ Das heutige Stressgefühl begründete die Professorin in der zunehmenden Beschleunigung und Zeitverdichtung. „Was wir heute in einer Arbeitsstunde verrichten, ist das Zigfache von dem, was Generationen vor uns geschafft haben“, so Ceming. Hinzu käme, dass wir immer mehr Optionen offen hätten aufgrund von technologischer Entwicklungen – und diese auch ausprobieren möchten. Ceming sieht die Lösung darin, bewusst Optionen herauszunehmen und sich zu beschränken. Verzicht sei dies nicht. „Man hat im Endeffekt mehr davon, weil man das, was man macht, viel entspannter tun kann.“ Zudem solle man das Leben nicht zu eng takten, Zeitpuffer in den Alltag einbauen und sich von Energievampiren sowie Perfektionismus verabschieden. „50% reicht in den meisten Fällen aus“, ist Ceming überzeugt.

Für Entspannung während der Tagung sorgte Kinderliedermacherin Mai Cocopelli, die jeden Vortrag mit einer anregenden und interaktiven Performance einstimmte – und damit die rund 1300 KindergartenpädagogInnen aus den oö. kirchlichen Kindertageseinrichtungen und 100 Ehrengäste, welche die Fachtagung besuchten, mitten im Herz berührte.

Organisiert wurde die KIFO von der Caritas für Kinder und Jugendliche. Als Ehrengäste leiteten neben Diözesanbischof Dr. Manfred Scheurer auch Caritas-Direktor Franz Kehrer, MAS, Sprecher der Erhalterkonferenz Pfarrer Mag. Klaus Dopler, Landtagsabgeordnete Christine Langer-Weniger und HRin Dr.in Barbara Trixner von der Direktion Bildung und Gesellschaft des Landes OÖ die Tagung ein.

Hier finden Sie Videos der Vorträge in voller Länge: https://www.edugroup.at/bildung/news/detail/kindergartenfortbildung-im-zeichen-des-spielens.html

YouTube Kanal von BildungsTV: https://www.youtube.com/user/OOEBildungsTV

KIFO 2018 - Bischof Manfred Scheuer, 21. Februar 2018