Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Familie als „Kraftort“ - Ein Gastkommentar zum Welttag der Familie

15.05.18

Foto: Caritas/Wakolbinger

Gastkommentar von Franz Kehrer, MAS, Direktor der Caritas in Oberösterreich, zum Welttag der Familie am 15.5.2018 in den Oberösterreichischen Nachrichten.

In verschiedenen Jugendstudien wird immer wieder deutlich, dass die Familie bei den Jugendlichen heute einen hohen Stellenwert hat. Viele sehen die Familie als Rückzugsort in einer komplizierten Welt. Ein Ort, der Geborgenheit und Sicherheit gibt, in einer Zeit vielfältiger Herausforderungen. Wir erleben vielfach, dass Kinder, die in ihrem Umfeld Zuwendung und Anerkennung erfahren, ein besseres „Rüstzeug“ und innere Stärke für den weiteren Lebensweg mitbekommen.

Das Idealbild stimmt aber oftmals nicht mit der Wirklichkeit überein, Familien sind heute mit großen Herausforderungen konfrontiert: eine erschwerte Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Zeit-Not und finanzielle Not, fehlende soziale Netze, zu wenig leistbarer Wohnraum  sowie die Pflege von Angehörigen sind nur ein paar von vielen Belastungsfaktoren.

Und genau diese Faktoren gilt es auch gesellschaftlich und familienpolitisch verstärkt in den Blick zu nehmen, um Familien als „Kraftorte“ zu erhalten und zu stärken. Denn wie Kinder heute aufwachsen, bestimmt maßgeblich unser Zusammenleben von morgen. Daher ist die Stärkung von Familien von zentraler Bedeutung. Ein Teil davon sind finanzielle Unterstützungen, die unser Staat als Solidargemeinschaft bereit stellt. Hier darf es nicht geschehen, dass gerade Familien mit geringem Einkommen zunehmend fallengelassen werden -  die Deckelung der Mindestsicherung, die geplante Umwandlung der Notstandshilfe und ein Familienbonus, der gerade Familien mit sehr niedrigem Einkommen nicht gleichermaßen unterstütz, sind falsche Signale.

Darüber hinaus braucht es aber ganz konkrete Hilfestellungen. Die Funktion eines unterstützenden sozialen Netzwerks, als „Backup“ im Hintergrund, ist bei heutigen Familienstrukturen oft nicht mehr vorhanden. Hier ist zum einen Solidarität in Form von freiwilligem Engagement gefragt. Es erfordert aber auch professionelle soziale Dienstleistungen, die stützend zur Seite stehen. So zum Beispiel die Familienhilfe, die nach Hause kommt, wenn Eltern erkrankt oder überfordert sind. Für die Pflege von Familienmitgliedern zu Hause braucht es den Ausbau der Pflegedienste in Richtung flexiblerer und  längerfristiger Einsätze. Gerade Familien mit Kindern mit Beeinträchtigungen sind auf sehr konkrete Hilfestellungen angewiesen, die sie leider oft noch nicht bekommen können.

Leider beobachten wir heute zunehmend, dass in den politischen Diskussionen viel zu wenig die Bedürfnisse und die Realität von Familien im Blick sind. Leistungen werden gekürzt oder in Frage gestellt. Die Schließung von Nachmittagsgruppen in Kindergärten wird in Kauf genommen, obwohl es gleichzeitig noch viel flexiblere Öffnungszeiten und mehr Angebote bräuchte, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Das ist fehlende Sehschärfe und Kurzsichtigkeit in einem: denn wer jetzt Familien im Stich lässt, legt den Grundstein für die sozialen Probleme der Zukunft.