Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

„Erst wenn man sich für nichts mehr begeistern kann, hat das Leben keinen Sinn“

25.10.18

Sabine Rödesheim gehört zum Caritas-Team der Mobilen Pflegedienste, das sich täglich um Anna-Maria kümmert. Die Linzerin lebt in ihrer eigenen Wohnung und feiert am 2. November ihren 100. Geburtstag.

Maria-Anna aus Linz feiert am 2. November ihren 100. Geburtstag und blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Die Witwe kann nach wie vor in ihren eigenen vier Wänden leben, weil sie täglich die Unterstützung der Mobilen Pflegedienste von der Caritas hat. Gesunde Ernährung und viel Bewegung sind das Geheimnis ihres hohen Alters.

Zum 100. Geburtstag hat sie einen großen Wunsch: möglichst lange gesund und in ihrer eigener Wohnung bleiben zu können. Dank der Mobilen Pflegedienste der Caritas ist das auch möglich. Sabine Rödesheim aus St. Florian ist einer „ihrer Engel“, wie Maria-Anna die Caritas-Mitarbeiterinnen liebevoll nennt: „Ich habe Glück, dass ich so liebe Leute um mich habe. Ohne sie wäre ich verloren. Wenn sie hereinkommen, dann wird alles gleich viel besser. Sie haben ein so gutes Einfühlungsvermögen.“ Die Mobilen Pflegedienste unterstützen beim Waschen, Anziehen, Frühstücken, Einkaufen und leisten Gesellschaft. Eine private Reinigungsdame kümmert sich darüber hinaus um die Wäsche und die Wohnung. Mittags kommt das Essen auf Rädern. Neben dem Nachmittagsschlaf gehört auch das tägliche Telefonat mit ihrer Freundin fix zum Tagesablauf: „Sie ist meine einzige Freundin, die ich noch habe. Alle sind weggestorben. Von meiner Maturaklasse lebe nur noch ich.“

Kriegsjahre in Wien

Während dem Krieg studierte sie in Wien. „Ich ging auf die Uni, schrieb nachts meine Arbeiten und verdiente mein Geld mit einer Teilzeit-Stellung beim Arbeitsamt. Dort war ich für die Ausländer zuständig, was ein Glück war. Aus Dank, dass ich sie vermittelt hatte, nahmen sie mir oft Essen mit. So musste ich zumindest keinen Hunger leiden.“ Die Bombardierungen waren allerdings schrecklich: „Als ich eines Abends heimkam, stand ich vor dem zerbombten Haus. Ich hatte nur meine Aktentasche und ein paar Papiere bei mir – alles andere war weg: Die vielen Universitätsarbeiten, an denen ich nächtelang gesessen hatte, Kleidung, Schuhe, alles.“

Ein Leben in Deutschland, England und den USA

In Gestalt eines amerikanischen Besatzungssoldaten lernte Anna-Maria die Liebe ihres Lebens kennen, die sie 1947 heiratete: „Es war wie im Traum. Ich ging mit ihm zuerst nach München. Und von da an begleitete ich ihn überall hin: Wir zogen ein paar Jahre nach Amerika, dann nach England. Es war eine wunderbare Ehe. Wir haben uns überall wohlgefühlt. Ich konnte mich ganz auf meinen Mann verlassen.“ Als das gemeinsame Töchterchen auf die Welt kam, schien das Glück perfekt. Doch ihr Mann starb kurz nach der Pensionierung und Anna-Maria stand mit dem kleinen Mädchen alleine da: „Es war eine schwere Zeit, aber ich hab mich durchgewurstelt. Manchmal war ich verzweifelt und oft habe ich mir den Tod gewünscht. Aber dann bin ich immer wieder aus dem tiefen Loch herausgekommen.“ Doch das Schicksal schlug noch ein weiteres Mal zu: Die Witwe musste erleben, dass auch ihre Tochter mit 64 an einem Herzinfarkt starb. Ihr heute 50-jähriger Enkel ist der einzige in der Familie, der ihr geblieben ist.

Aufgehört, Zucker zu essen

Den Lebensmut aber hat die rüstige 100-Jährige nie verloren. Kraft gaben ihr auch die Natur und die Berge. Sie war früher stundenlang unterwegs. „Wenn ich heute im Fernsehprogramm sehe, dass ein Film über Berge oder die Natur gespielt wird, freue ich mich den ganzen Tag darauf. Und diese Begeisterung braucht man auch im Alter. Wenn man sich für nichts mehr begeistern kann, dann hat das Leben keinen Sinn mehr.“

Anna-Maria lebt grundsätzlich gerne: „Ich habe keine Schmerzen, bin nicht krank. Alle sind immer überrascht, dass ich noch so gesund bin in meinem Alter. Dass ich so alt geworden bin, habe ich meiner Ernährung und der Bewegung zu verdanken. Ich habe vor vielen Jahren aufgehört, Zucker zu essen. Ich süße mit Honig. Ich habe immer viel Salat und Gemüse gegessen – und war viel in der Natur unterwegs.“

Wenn sie auf die 100 Jahre zurückblickt, dann fällt ihr auf, dass der Zusammenhalt der Menschen früher besser war: „Die Menschen waren nicht so materialistisch wie jetzt, es war nicht jeder auf seine Vorteile eingestellt. Heute sind viele Menschen – auch in der Auswahl ihrer Freunde – immer auf eigene Vorteile bedacht.“