Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Nur ein Autodach über dem Kopf

30.01.20

Am Foto: Caritas-Sozialarbeiterin Fruzsina Schwarcz und Roswitha Sasima

Nach der Trennung von ihrem Mann und dem Verlust ihres Jobs beschloss Roswitha Sasima der Oberpfalz den Rücken zu kehren. In ihrer früheren Heimat Linz wollte sie einen Neuanfang wagen. Dass sie dabei auf der Straße landete, hätte die Mutter von vier erwachsenen Kindern nie gedacht. Mit Willenskraft, der Caritas und anderen Organisationen des Obdachlosen-Netzwerkes schaffte sie den Weg zurück in eine Wohnung, einen Job und zu ihrer großen Liebe, der Airbrush-Malerei.

„Es war eine Nacht- und Nebelaktion. Ich habe die wichtigsten Sachen gepackt und bin mit dem Auto nach Linz gefahren“, erinnert sich die Handelsschul-Absolventin zurück. Ihr Plan: einen Job und eine Wohnung in Linz zu finden. „Ich war dafür gerüstet, die ersten Tage im Auto zu schlafen. Als ich früher als Airbrusherin gearbeitet habe, habe ich das auch so gemacht“, sagt Sasima. Beim AMS stellt sie fest, dass sie ohne Wohnung bzw. Meldeadresse nicht als arbeitssuchend registriert werden kann. Sie verbringt die Tage damit, eine Wohnung zu suchen und lernt ohne Geld zu überleben. Waschen und Zähneputzen erledigt sie auf der Toilette in einem Einkaufszentrum und isst die weggeworfenen Lebensmittel von Supermärkten. Kontakt mit ihren vier Kindern hält sie in dieser Zeit. Dass ihre Mutter im Auto gelebt hat, wissen sie bis heute nicht. „Sie hätten mich sofort nachhause geholt. Das wollte ich nicht. Dazu war ich zu stolz“, gibt sie zu. Die Obdachlosen-Einrichtungen in Linz kennt sie nicht: „Und hätte ich sie gekannt, wäre ich nicht hingegangen. Ich habe mich nie als obdachlos angesehen, weil ich ja mein Auto hatte. Auch wenn der Tank schon lange leer war.“

Nach drei Monaten Überlebenskampf wird der Linzerin bewusst, dass es so nicht weitergehen kann: „Ich wollte meine Kinder nicht mehr belügen und wieder malen.“ Schritt für Schritt geht sie den Weg aus der Obdachlosigkeit. Drei Wochen übernachtet sie in der Notschlafstelle und lebt den Alltag vieler wohnungsloser Menschen im Winter in Linz: um 9 Uhr von der Notschlafstelle ins Of(f)‘n Stüberl, dann zum kostenlosen Frühstück in die FRIDA, dem Caritas-Tageszentrum für wohnungslose Frauen. Anschließend verbringt sie die Zeit bis 19 Uhr in der Wärmestube der Caritas, bevor wieder die Notschlafstelle bezogen werden kann. Dort hat sie auch endlich wieder eine Melde- und Postadresse, so dass sie mit der Sozialarbeiterin die Überbrückungshilfe beantragen kann bis ihr Anspruch auf Mindestsicherung geklärt ist.

Hilfe anzunehmen kostet Überwindung

Als sie zum ersten Mal das Caritas-Tageszentrum FRIDA betritt, kostet es ihr viel Überwindung: „Doch dann war ich überwältigt: Alle haben mich so genommen, wie ich bin. Niemand hat gefragt, warum ich hier bin.“ Die Caritas-Mitarbeiterin informieren sie über die verschiedenen Ansprüche und Unterstützungsmöglichkeiten: „Ich habe das System und die Wege in Österreich nicht gekannt. Allein hätte ich es nie geschafft.“ Mit dem Überbrückungsgeld kann die Linzerin beim Sozialverein B37 ein Zimmer mieten. Essen geht sie weiterhin in die Caritas-Wärmestube, wo sie auch kostenlose Kleidung und Hygieneartikel erhält. „Dann habe ich die Möglichkeit bekommen, im Of(f)‘n Stüberl und im ARGE Trödlerladen geringfügig zu arbeiten. Ich habe eisern für die Kaution gespart, um endlich eine eigene Wohnung mieten zu können.“ Nach zwei Monaten ist es soweit und sie bekommt im Juni, nach Monaten auf der Straße und im Übergangswohnheim, die Zusage für eine 42-Quadratmeter Wohnung. Für die Einrichtung bekommt sie von der Caritas-Sozialberatungsstelle eine einmalige Unterstützung. „Mir hat vor allem die Arbeit beim Trödler gefallen. Aber die SozialarbeiterInnen haben mich motiviert, eine ‚richtige Arbeit‘ zu suchen“, sagt Roswitha Sasima. Die Zeit in der FRIDA nutzt sie, um gemeinsam mit der Caritas-Mitarbeiterin Bewerbungen zu schreiben. Es dauert zwei Monate, bis sie in einem Seniorenwohnhaus in Linz als Servicekraft anfangen kann. „Der Wunsch, wieder Airbrushen zu können, hat mir in dieser schweren Zeit immer Kraft und eine Perspektive gegeben. Von meinem zweiten Gehalt habe ich mir einen Luftpinsel gekauft, damit ich endlich wieder malen kann“, erzählt Roswitha Sasima. Seither sprayt sie jede freie Minute ihr Leben und ihre Gedanken auf die Leinwand. Als Dank für die Unterstützung hat sie der Caritas zwei Bilder geschenkt. Eines trägt den Titel „In safe hands“: „Es zeigt, wie gut aufgehoben und verstanden ich mich im Caritas-Tageszentrum für wohnungslose Frauen gefühlt habe.“

 

Kontakt Roswitha Sasima: www.facebook.com/roswitha.schnell.9