Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Teletherapie: In der „Notlösung“ schlummert ein ungeahntes Potenzial

14.05.20

Eine Frau sitzt am Boden vor einem Tablet am Tisch und hält eine Handpuppe.

Physiotherapeutin Petra Schreiberhuber mit einer Bobath-Puppe

In Zeiten von Abstand-Halten ist Physiotherapeutin Petra Schreiberhuber vom Ambulatorium der Caritas in St. Isidor in Leonding trotzdem nah bei „ihren“ Kindern mit Beeinträchtigungen. Sie hat im Homeoffice die „Teletherapie“ etabliert, um Eltern und Kinder weiterhin therapeutisch begleiten zu können. Anfangs als „Notlösung“ ins Leben gerufen, entfaltete die Teletherapie nach kurzer Zeit ein ungeahntes Potenzial und soll auch in der Zeit nach Corona als erweitertes Angebot zur Verfügung stehen.


Die meisten der kleinen und größeren KlientInnen von Physiotherapeutin Petra Schreiberhuber zählen zu der Gruppe der HochrisikopatientInnen. Es sind Kinder, die mit einem Gerät beatmet werden müssen, Kinder mit Herzschrittmachern, mit schweren Muskelerkrankungen und anderen Bewegungsstörungen sowie viele mehr, die auf regelmäßige Therapien bei der Caritas-Mitarbeiterin angewiesen sind. „Nach den ersten Tagen im Homeoffice - für eine Physiotherapeutin ein schwierig zu definierender Begriff - ließ die Schockstarre nach. Ich kam innerlich stark unter Druck, wie denn die so notwendige therapeutische Betreuung Kinder und Eltern, die regelmäßig zu mir ins Ambulatorium zur Bobaththerapie kommen, weitergehen kann“, erzählt Physiotherapeutin Petra Schreiberhuber, wie sie auf die Idee mit dem Videochat kam. Für sie war es anfangs eine Umstellung, weil sie am Bildschirm viel intensiver als sonst zuhören und zuschauen musste, um dann jeden einzelnen Griff und Schritt verbal anleiten zu können. Doch schon schnell entfaltete die Teletherapie aufgrund der zeitlichen und örtlichen Flexibilität ihre Vorzüge. „Als Therapeutin bekomme ich einen tatsächlichen Einblick in Alltagssituationen und sehe genau, wo die Probleme liegen, kann mir von den Kindern oder Eltern zeigen lassen, was schwierig ist, wo sie Hilfe oder Veränderungen brauchen. So kann ich ganz gezielt Hilfestellungen anbieten und die Effizienz sofort überprüfen.“ Zwei Mütter luden die Caritas-Mitarbeiterin beispielsweise zum Baden ein, um aufzuzeigen, wie schwierig sich die Situation immer gestaltet. „Ich war also dabei und wir konnten gute Lösungen für den Alltag finden. Und Spaß hat’s auch gemacht, mit den Kindern zu plantschen“, erzählt Petra Scheiberhuber.

Nach ihrem Vorbild startete auch Kollegin und Logopädin Karin Bodingbauer vom Ambulatorium St. Isidor in ihr unbekanntes Terrain: Ihre Therapiekinder freuen sich über die Abwechslung im Alltag. Einem sechs Monate alten Frühchen und seinen Eltern konnten sie sogar die Überweisung ins Krankenhaus ersparen: „Aufgrund von sensorischer Überempfindlichkeit war der Säugling nur mehr im Halbschlaf zu ernähren, weil er schon beim Anblick der Flasche zu weinen begann. Durch die tägliche teletherapeutische Anleitung nahm er nach nur einer Woche im wachen Zustand die Nahrung mit dem Löffel ein.“ Der Erfolg der Therapie hing maßgeblich mit der Videotelefonie zusammen, weil der Therapiezeitpunkt nach der Wachheit und der Hungersituation des Kindes angepasst werden konnte. „Eine teletherapeutische logopädische Therapie ist natürlich nicht bei allen Kindern möglich, eine Elternberatung und -anleitung jedoch in fast allen Fällen“, sind mittlerweile ihre Erfahrungen.

Weil die Schutzmaßnahmen durch Covid 19 die MitarbeiterInnen im Ambulatorium der Caritas in St. Isidor sicher noch länger begleiten werden, soll die Teletherapie weiterhin stattfinden. „Viele unserer Kinder zählen zu den Risikogruppen. Wir sind froh, wenn wir sie, ihre Familien und auch uns auf diesem Weg schützen können“, sagen die Therapeutinnen, die auf den neuen Therapieablauf ausnahmslos positive Rückmeldungen der Eltern bekommen haben.

Logopädin Karin Bodingbauer vor ihrem Tablet:

Eine Frau sitzt vor einem Tablet und kommuniziert