Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Wo die Kraftquellen für die letzten Abschiede liegen

27.11.20

Eleonora Hinum hat auch im Seniorenwohnhaus noch große Ziele. Mittels Physiotherapie will die Parkinson-Patientin es schaffen, wieder aus dem Rollstuhl zu kommen.

Für die einen ist es ein schwerer Schritt, der ein immenses Verlustgefühl mit sich bringt, für die anderen fühlt es sich an wie der Umzug ins Hotel: der Wechsel ins Seniorenwohnhaus, gepaart mit dem Abschied von Nachbarn, der eigenen Wohnung, vielleicht gefühlt dem selbständigen Leben. Eine achtsame Begleitung weckt dabei die Ressourcen, die man sich ein Leben lang angeeignet hat, und hilft, den Lebensfaden neu zu spinnen.

Als Eleonora Hinum ins Seniorenwohnhaus zog, packte sie die Farben des Regenbogens ein. Venezianische Masken zieren die Wände und bunte Gemälde von fantastischen Landschaften, die ihr Sohn gemalt hat. Franz Rogl nahm drei Teppiche von fernen Reisen mit – die kleinsten und billigsten der fünfzehn, die er gesammelt hatte. Einer hängt nun an der Wand, zwei liegen am Boden. Achtzehn blaue Säcke ließen er und seine Frau zurück, als sie von ihrem Zuhause ins Seniorenwohnhaus Karl Borromäus zogen. Ein Teil wurde verschenkt, anderes gespendet oder weggeworfen.

„Loslassen“ heißt es für jeden Menschen – nicht nur beim Übergang in die letzte Lebensphase. Im Leben schließt man fortwährend Türen hinter sich und öffnet dafür neue. Wenn man Freundschaften beendet oder auslaufen lässt, wenn Hobbys einschlafen, nach der Ausbildung, in der Pension. Im Alter fragt man sich jedoch bei jeder Tür, die sich schließt, welche sich noch öffnet. Gleichzeitig zeigt sich dabei oft, was man ein Leben lang gelernt hat – wie man ein Leben gelebt hat und wie man mit den Abschieden umgeht.

Verlust der wohnlichen Erinnerungen

Seit zwölf Jahren sieht Carmen Rolle als Seelsorgerin im Seniorenwohnhaus die Menschen kommen und gehen – und geht mit ihnen die letzten Jahre mit. „Der schwierigste Schritt ist oft wirklich, das eigene Zuhause zu verlassen und ins Seniorenwohnhaus zu ziehen“, sagt sie. Die eigene Wohnung oder das eigene Haus, das so viel von einem selbst verkörpert. Erinnerungen und Einrichtungsstücke, mit denen man sich sein Zuhause wohnlich gemacht hat. Das meiste, das man angesammelt hat, bleibt zurück.

„Wenn jemand ins Seniorenwohnhaus zieht, nimmt er Abschied – von Zuhause, von seinem vertrauten Leben, von dem Menschen, der er einmal war. Manchmal passiert dieser Abschied abrupt. Man geht außer Haus um eine Besorgung zu erledigen, stürzt, bricht sich den Oberschenkelhals, kommt ins Krankenhaus, in die Reha und dann ins Seniorenwohnhaus. Und eigentlich ist man in der Annahme außer Haus gegangen, in einer Stunde wieder zuhause zu sein.“ Hinzu kommt oft eine neue Hilfsbedürftigkeit und ein Verlust der alten, eigenständigen Rolle, der alten Identität auf. „Das knabbert am Selbstbild“, gesteht die Seelsorgerin ein.

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