Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

„Lockdown der Menschlichkeit“ verhindern

03.12.20

Foto: Caritas/Wakolbinger

Gastkommentar von Franz Kehrer, MAS, Direktor der Caritas in Oberösterreich zum „Internationalen Tag der Menschen mit Beeinträchtigungen“

„Ich fühle mich ausgeschlossen, wenn ich mich bei Firmen bewerbe und aufgrund einer Beeinträchtigung nicht aufgenommen werde oder wenn manche Leute nichts mit mir zu tun haben wollen, weil ich eine Beeinträchtigung habe.“ Diese Aussage ist eine von vielen, mit dem Menschen mit Beeinträchtigungen ihre Erfahrungen im Alltag schildern. Sie stoßen nach wie vor in unserer Gesellschaft auf Barrieren, die sie an der Teilhabe am Alltagsleben hindern. Der Spruch „Behindert ist, wer behindert wird“ gilt nicht nur für bauliche Barrieren: Vorurteile, Angst vor dem „Anderssein des Anderen“ sind Barrieren im Kopf, die Ausgrenzung und Diskriminierung nach sich ziehen. Dadurch führen Menschen mit Beeinträchtigungen zumeist ein Leben am Rand der Gesellschaft, sind mehr „draußen“ als „mittendrin“.

Wie es sich anfühlt, vom öffentlichen Leben ausgeschlossen zu sein, erleben wir gerade alle zumeist zum ersten Mal durch die Corona-Schutzmaßnahmen. Allerdings hat diese Situation doch früher oder später ein Ablaufdatum. Menschen mit Beeinträchtigungen sind aber meist ihr Leben lang damit konfrontiert, ausgeschlossen zu werden von Dingen, die für andere selbstverständlich sind: beim Besuch von Lokalen, bei Veranstaltungen, bei der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln, bei Freizeitaktivitäten, Aus- und Weiterbildungen und im Beruf.

Und wer bisher schon schlechte Karten am Arbeitsmarkt hatte, wird durch die hohe Arbeitslosigkeit aufgrund der Corona-Krise noch weiter zurückgeworfen im Wettbewerb um Jobs und Chancen. Das erleben wir bereits mehrfach in unserer Arbeit als Caritas. So sind zum Beispiel Lehrstellen derzeit viel schwerer zu finden – und vor allem Jugendliche mit Lernschwierigkeiten erleben ständige Absagen und Enttäuschungen. In diesem nun noch härteren Wettbewerb um Arbeitsplätze braucht es ein umso stärkeres Bemühen um Fairness. Denn jeder Mensch hat seine individuellen Fähigkeiten und auch das Recht auf faire Chancen und Gleichbehandlung wie allen anderen.

Es darf uns nicht passieren, dass wir aufgrund der Corona-Krise und ihrer ökonomischen Folgen einen dauerhaften „sozialen Rückschritt“ haben und Menschen noch mehr an den Rand unserer Gesellschaft drängen, die auch bislang schon viel zu wenig Teilhabemöglichkeiten hatten. Menschenrechte, Menschenwürde und Zusammenhalt sind ebenso schützenswerte Güter wie die Gesundheit. Wir müssen alles tun, um einen „Lockdown der Menschlichkeit“ zu verhindern.