Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

„Was würden Sie tun?“ - Ein Gastkommentar in den OÖ Nachrichten

05.05.21

Portrait von Franz Keherer

Gastkommentar von Franz Kehrer, MAS, Direktor der Caritas in Oberösterreich

Stellen Sie sich vor, Sie sind 55 Jahre alt und arbeiteten vor der Pandemie bei einem Taxiunternehmen – Sie haben für 35 Wochenstunden nur rund 900 Euro verdient, aber mit dem Trinkgeld und mit ihrer entschiedenen Sparsamkeit kamen Sie als alleinstehende Person halbwegs über die Runden. Dann kommt Corona – Sie verlieren Ihren Job, Ihr Arbeitslosengeld beträgt 570 Euro, dazu bekommen Sie Wohnbeihilfe in der Höhe von 166 Euro. Ihre Wohnkosten betragen allerdings 560 Euro. Wie würden Sie sich in der Situation fühlen, was würden Sie tun?

Mit genau diesem Problem ist Frau F. zu uns in eine Caritas-Sozialberatungsstelle gekommen. Sie fühlt sich sehr schlecht und leidet sehr unter ihren Existenzsorgen. Frau F. hat eine Aufzahlung aus der Sozialhilfe beantragt – das ist möglich, wenn man weniger Einkommen hat, als die Höhe der Sozialhilfe wäre – soweit so gut. Allerdings wird davon noch die Wohnbeihilfe abgezogen – heißt unterm Strich dann 949 Euro, von denen sie jetzt leben muss, bis sie wieder einen Job findet. In der Taxibranche schaut es nach wie vor schlecht aus. Wir konnten als Caritas ein wenig Hilfe zum Einkauf von Lebensmitteln leisten und beim Stromanbieter erwirken, dass ihre Jahresabrechnung erlassen wurde.

Die Geschichte von Frau F. ist ein Beispiel von vielen in dieser Krise. Sie zeigt auf, wie sehr, trotz Hilfen unseres  Sozialstaates, Menschen zu kämpfen haben. Bei folgenden Themen müsste man daher wirksam ansetzten:    

1)      Erhöhung des Arbeitslosengeldes.
Gerade, wenn man zuvor schon gering verdient hat, ist es eine Katastrophe, bei Arbeitslosigkeit plötzlich mit nur mehr 55 % des Verdienstes auskommen zu müssen. Unsere Regierung hat wichtige Maßnahmen getroffen, um Arbeitsplätze zu erhalten und auch mit Einmalzahlungen Arbeitslosen kurzfristig Erleichterung verschafft. Menschen, die es schon bisher schon schwer am Arbeitsmarkt hatten, werden jedoch potenziell nach der Krise noch schwerer einen Job finden. Gerade für diese Personen braucht es ein sicheres Auffangnetz, um eine  Abwärtsspirale zu verhindern und um Energie für die Arbeitssuche aufwenden zu können.

2)      Stopp der Anrechnung der Wohnbeihilfe als Einkommen.
Die Sozialhilfe neu, die in Oberösterreich seit einigen Monaten umgesetzt wird, hat Armutslagen verschärft. Durch die Anrechnung der Wohnbeihilfe bekommen nun viele Menschen bis zu 300 Euro (bei Familien) weniger Sozialhilfe im Monat. Dabei verstärken die jährlich stark steigenden Mietpreise die gegenwärtig ohnehin größer werdenden Armutsfallen. Von der Caritas Sozialberatung betreute Menschen müssen im Schnitt 40 % ihres Einkommens für das Wohnen ausgeben.

Selbstverständlich müssen auch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen gesetzt werden, damit Menschen wie Frau F. einen Job finden, von dem sie gut leben können. Doch daneben braucht es eben auch sozialpolitische Maßnahmen, die verhindern, dass Menschen überhaupt so tief in die Armut und Verzweiflung gestürzt werden.