Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Pflege

12.03.08

„Sehschwäche“ im Hinblick auf die wirklichen Probleme und Bedürfnisse der Betroffenen attestierte Caritasdirektor Mathias Mühlberger der Regierung im Jänner in einem Gastkommentar in den OÖN. Die Einigung auf das neue Förder- bzw. Legalisierungsmodell für die 24-Stunden-Betreuung sei noch lange keine Gesamtlösung.

„Natürlich ist es als Fortschritt zu werten, dass die Pflegefrage überhaupt endlich angegangen wurde“, so Mühlberger in seinem Kommentar. Das Fördermodell sei jedoch nur die Lösung einer Teilfrage. Als Beispiel für jene Probleme , die dabei „übersehen“ wurden, führt Mühlberger die Demenzerkranungen an: „Wer einen an Demenz erkrankten Angehörigen betreut, weiß wie aufwendig das ist. Verwirrte Menschen können kaum ein paar Minuten allein gelassen werden. Trotzdem sind die meisten an Demenz erkrankten Menschen nur in Pflegestufe 2 eingestuft. Und bekommen so im neuen Pflegemodell keine Förderung zur 24-Stunden-Betreuung.“ Weiters führt Mühlberger an, dass sich Menschen mit geringem Einkommen die Legalisierung der Pflegekraft nach wie vor nicht leisten können. Und keine Lösung gebe es auch für Menschen, die zwar keine Rund-um-die-Uhr-Betreuung brauchen, mit den bestehenden Betreuungsangeboten durch die Mobilen Dienste aber dennoch nicht auskommen. „Was hier fehlt, sind zusätzliche Betreuungsmodelle und finanzielle Hilfen“, so Mühlberger.

ExpertInnen der Caritas und Betroffene selbst betonen, wo die Politik hinschauen und stärkere Sehkraft beweisen sollte:

Margarete Kastner, Betroffene und Leiterin einer Gesprächsgruppe für pflegende Angehörige

„Es gibt zu wenige Kurzzeitpflegeplätze. Wenn die pflegenden Angehörigen zum Beispiel selber ins Krankenhaus müssen, eine Auszeit brauchen oder spontan mehrere Tage weg müssen, haben sie keine Möglichkeit, die zu Pflegenden irgendwo unterzubringen. Das geht soweit, dass die Angehörigen die Pflegebedürftigen mit ins Krankenhaus nehmen müssen. Darüber hinaus braucht es dringend einen weiteren Ausbau der Tagesbetreuung und vor allem der mobilen Dienste, denn es muss rund um die Uhr möglich sein, Hilfe zu erhalten. Besonders in ländlichen Gebieten ist es noch schwierig, vor allem an Sonn- und Feiertagen Unterstützung zu bekommen. Und noch etwas ist ein großes Problem: Frauen, die jahrelang ihre Männer gepflegt haben, waren nie versichert oder in irgendeinem Angestelltenverhältnis. Wenn der Mann dann ins Heim kommt, fällt die Frau in ein Loch. Bestes Beispiel: Eine Bekannte hat ihren Mann 16 Jahre lang gepflegt, er bekam einen Heimplatz und sie lebt jetzt von Almosen. Meist sind die Frauen 50 Jahre oder älter und haben keinen Pensionsanspruch.“

Josefine Mair, Geschäftsführerin Caritas für Betreuung und Pflege

„Die Praxis der Pflegegeldeinstufung ist zum Teil sehr problematisch. Derzeit läuft das folgendermaßen ab: Ein Arzt, nicht der eigene Hausarzt, sondern beispielsweise ein Unfallchirurg, macht Momentaufnahmen und aufgrund dieser Einschätzung erfolgt schließlich die Einstufung. Diese momentane Einschätzung entspricht sehr oft nicht der Realität.
Wünschenswert wäre es, dass ein kleines interdisziplinäres Team ein Assessment macht, bei dem eine diplomierte Pflegekraft dabei sein soll. Dabei kann zusätzlich ein Erstgespräch mit den Angehörigen stattfinden, bei dem auch einE SozialarbeiterIn anwesend ist. So kann den pflegenden Angehörigen vor Ort auch gleich Beratung angeboten werden, welche Hilfen und Förderungen für sie in Frage kommen. Für Demenzerkrankte und PalliativpatientInnen braucht es eine Sonderform der Einstufung: Die Einstufungsverfahren dauern sehr lange, PalliativpatientInnen erleben oft ihre eigene Einstufung nicht mehr.“