Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Würden Sie gerne Flüchtlinge kennen?

17.06.11

In einer aktuellen Umfrage von UNHCR wird diese Frage von 20 % der ÖsterreicherInnen vehement verneint. Die interessantere Frage lautet aber: Warum nicht? Welche Ängste stehen hinter einer solchen Antwort?

Ein Grund könnte sein: die Angst, AsylwerberInnen wollten uns etwas wegnehmen. Etwa ein Drittel der Bevölkerung vertritt die Meinung, AsylwerberInnen wären hier, um „den Staat auszunutzen“. Würde diese Meinung auch vertreten, wenn bekannt wäre, dass sie keinen Anspruch auf Sozialhilfe haben, wie fast die Hälfte der ÖsterreicherInnen glaubt? Sie bekommen zwar staatliche Unterstützung, weil sich Österreich durch die Unterzeichnung der Genfer Flüchtlings-Konvention (1954) dazu verpflichtet hat, während der Dauer des Asyl-Verfahrens für die Deckung der existentiellen Grundbedürfnisse der Menschen zu sorgen. Die Höhe dieser „Grundversorgung“ ist allerdings um einiges niedriger als die Sozialhilfe. Und AsylwerberInnen haben keinen Zugang zum Arbeitsmarkt – was also wird uns genau weggenommen?

Ein anderer Grund könnte sein, dass man eigentlich kein Interesse daran hat, jemanden zu kennen, der aus einer verzweifelten Situation geflüchtet ist, der vielleicht Angst um sein Leben oder das seiner Familie haben musste, der vielleicht aus einem Land kommt, in dem es keine Perspektiven gibt, wo ein diktatorisches System jegliche Freiheitsbestrebungen unterdrückt und/oder wo tiefstes Elend herrscht. Weil man vielleicht gar nicht wissen will, dass es so etwas wirklich gibt und nicht nur im Fernsehen. Das Elend soll uns bloß nicht zu nahe kommen.

Eine Auseinandersetzung mit den Ängsten und Sorgen jener Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten und um Asyl – also um Schutz – ansuchen, findet bei uns nicht statt. Die öffentlichen Debatten und Politiker-Ansagen drehen sich immer nur darum, dass doch wir ÖsterreicherInnen geschützt werden müssten – denn AsylwerberInnen seien zunächst einmal als potentielle Kriminelle zu betrachten, die sich mit Lügen einen Aufenthalt erschleichen und uns auch sonst nichts als an den Kragen wollten.

Ständige Verschärfungen des Asyl- und Fremdenrechts tragen dazu bei, die Ängste der Bevölkerung zu schüren. Und aus diesen Ängsten lässt sich gut politisches Kleingeld schlagen.

Mathias Mühlberger, Direktor der Caritas in Oberösterreich