Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

„Mein Leben – Meine Entscheidung!“

Über 200 Personen folgten der Einladung von invita der Caritas für Betreuung und Pflege ins Seminarhotel Wesenufer, um sich einen Tag lang mit dem Thema der Selbstbestimmung von Menschen mit Beeinträchtigung auseinanderzusetzen. Der Fokus lag dabei darauf, was Anbieter von Wohn- und Beschäftigungsformen bereits jetzt verändern können, um die Selbstbestimmung ihrer KundInnen zu fördern und sie auf dem Weg zu mehr Selbstverantwortung zu begleiten, und zwar mit den derzeitigen Möglichkeiten und Rahmenbedingungen.

Ein sehr berührender Film von Mario Tomaschek zeigte zu Beginn der Veranstaltung auf, was es heißt, psychisch krank zu sein. Gemeinsam mit weiteren KundInnen von invita hatte er vor drei Jahren auf eigene Initiative diesen Film gedreht. Demnach bedeutet psychisch krank zu sein, ausgestoßen zu sein, man verliert die Kontrolle über eigene Gefühle, das Leben läuft voran, man selbst aber geht im Glauben, das Leben laufe rückwärts. Man fühlt sich als Mensch zweiter Klasse. Der Schlusssatz eines Betroffenen war: ich habe in den Einrichtungen allgemein positive Erfahrungen gemacht, ich wünsche mir aber mehr Freiheit, damit ich selbständiger werde.

Diese Selbständigkeit hat Regina K. bereits erreicht. Sie saß mit weiteren KundInnen, Angehörigen und MitarbeiterInnen auf dem Podium und diskutierte über Erwartungen, Gefühle, Ängste und Hoffnungen beim Einzug in eine Wohngemeinschaft. Im Jahr 2000 kam sie zu invita in eine vollbetreute Wohngemeinschaft am Pamingerhof. Nach dem Krankenhausaufenthalt war sie einfach froh, dass sie bei invita einen Wohnplatz gefunden hatte. Sie fühlte sich wohl, schätzte ihr Zimmer als persönlichen Rückzugsbereich, hatte aber auch Spaß an den Gemeinschaftsaktivitäten. Ihr Ziel war es, wieder selbständiger zu werden, in eine eigene Wohnung zu ziehen, in der sie nur noch teilbetreut werden muss – und sie wollte ihren Führerschein wiedererlangen. Sie hat es geschafft: seit 2004 lebt sie in Engelhartszell in einer eigenen Wohnung mit Teilbetreuung, sie hat mittlerweile ihren Führerschein und ist sehr stolz, dass sie mit ihrem eigenen Auto wieder mobil sein kann.

Im Anschluss zeigten die Experten Dr. Oliver Koenig und Mag. Thomas Schweinschwaller auf, dass es Mut braucht, zu lernen, zu verändern, Verantwortung an Menschen mit Beeinträchtigung abzugeben. Menschen mit Beeinträchtigung mehr Selbstbestimmung zuzugestehen bedeutet nämlich ihnen Verantwortung zu übertragen und selbst Verantwortung abzugeben. Dies ist zwar mit einem gewissen Risiko verbunden, doch Verantwortung zu übernehmen heißt Leben. Und darum geht es. Ermutigen statt entmutigen lautet die Devise. Beide Experten sind sich einig: es ist Zeit, dass sich nicht nur Experten Gedanken machen, was wohl das Beste für Menschen mit Beeinträchtigung wäre – sondern, dass Menschen mit Beeinträchtigung gefragt werden, was sie sich wünschen.

Für August Hinterberger, Leiter von Caritas invita, hat sich die Intention der Fachtagung mehr als erfüllt: Angehörige, KundInnen und MitarbeiterInnen unterschiedlicher Trägerorganisationen sind ins Gespräch über dieses wichtige und doch sensible Thema gekommen. Für invita war diese Fachtagung der Startschuss, die Selbstbestimmung der KundInnen noch mehr in den Fokus der alltäglichen Arbeit zu rücken. „Diese Fachtagung zeigte, dass wir als Begleitende uns trauen müssen, unseren KundInnen mehr Verantwortung zu übertragen. Unsere Aufgabe ist es, die Wünsche und Vorstellungen unserer KundInnen zu erfragen, und dann zu sehen, wie wir sie darin unterstützen können.“