Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Respekt geht durch den Magen

03.12.14

Kaum ein Thema wird so heiß diskutiert, wie das, was auf dem Teller landet. Eine Caritas-Kinderwohngruppe zeigt jedoch, dass es auch anders geht. Hier wird international aufgekocht. Und vom Muslimen, der auf Schweinefleisch verzichtet, bis hin zur veganen Freiwilligen finden alle ihren Platz.

Wenn die Kinder und Jugendlichen der Caritas-Wohngruppe „Kompass“ sich etwas vorgenommen haben, geizen sie nicht mit Kreativität. Gemeinsam haben sie ein indisches Putencurry gezaubert, dazu gibt es türkische Pide, österreichische Toaströllchen im Speckmantel und als Nachspeise Beeren mit Kokos-Amaranth. Eine Geschmacksreise rund um die Welt erwartet die Gruppe.
„Ich gebe dir die Avocado-Mango-Creme auf 12 Uhr“, sagt Behindertenbegleiter Markus Wöß und häuft dem blinden Benjamin ein paar Löffel der Creme auf den oberen Teil des Tellers. Gemeinsam kochen und essen ist für die blinden und sehbeeinträchtigten Jugendlichen in manchen Aspekten eine Herausforderung. Die Wohngruppe des Zentrums für Hör- und Sehbildung hat sie jedoch gut gemeistert. Schon in der Schule haben sie gelernt, wie sie auch ohne etwas zu sehen ein Spiegelei zubereiten, Zwiebel schneiden oder ein Butterbrot so streichen können, dass sie wissen, wo die Butter bereits ist.

Kochen statt Catering
„Früher wurde das Essen von einem Catering zubereitet“, erzählt Payer. Doch wenn die Jugendlichen sich vom Catering bedienen lassen, verlieren sie die Kompetenzen, die sie zuvor schon gelernt haben. Daher hat der Leiter der Wohngruppe vor einigen Jahren kurzerhand beschlossen, am Abend immer gemeinsam in der Gruppe zu kochen. Das unterstützt ihre Selbständigkeit und brachte im Laufe der Zeit bei den Kindern und Jugendlichen ganz andere Wünsche ans Tageslicht. „Irgendwann wollten sie auch Gerichte aus ihrer Heimat vorstellen und diese für die WG-Freunde kochen“, so Payer. Da die Wohngemeinschaft kulturell bunt gemischt ist, gab dies den Anstoß für einen kulinarischen Austausch der anderen Art. Einmal im Monat kocht „Kompass“ nun groß auf, wobei auch gerne die benachbarte Wohngruppe mit auf die kulinarische Reise genommen wird. Der Schwerpunkt liegt immer auf einem anderen Land. Die Gespräche drehen sich dann nicht nur um das exotische Essen, sondern auch um die kulturellen Eigenheiten. Die Kinder fragen nach, wieso ihr bosnischer Freund kein Schweinefleisch isst, und wenn es ein Curry gibt, erläutert Payer den Hinduismus. „So passiert ein toller Austausch über die Herkunft der Kinder“, weiß Payer.

Gemeinsam essen: ein Ritual mit vielen Vorteilen
Zugleich hat sich auch das Koch- und Essverhalten der Gruppe verändert. „Die Kinder sind weniger wählerisch geworden.“ Und gleichzeitig viel weltoffener. Da es so viele unterschiedliche Neigungen gibt, leben die PädagogInnen die Idee vor, dass individuelle Vorlieben und kulturell-religiöse kulinarische Vorgaben respektiert werden. „Es muss nicht immer jeder alles gleich machen“, betont Payer. „Da wir diesen Gedanken seit Beginn tragen, ist das für die Kinder und Jugendlich auch ganz natürlich.“