Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Mehr Gerechtigkeit braucht das Land

12.12.14

Gastkommentar von Caritasdirektor Franz Kehrer am 12.12. 2014 in den Oberösterreichischen Nachrichten.

Kürzlich schrieb Professor Teodoro Cocca einen Gastkommentar in den OÖN, in dem er unter dem Titel „Mehr Millionäre braucht das Land“ dazu aufrief, dass es mehr Menschen in Österreich bräuchte, die etwas leisten wollen, um Millionäre zu werden. Er beruft sich darin auch auf eine Studie, in der festgestellt wurde, dass Begriffen wie „Gerechtigkeit“ und „Sicherheit“ höhere Bedeutung zugemessen werde als dem Begriff „Leistung“. Aus meiner Sicht ist es ein Trugschluss, daraus zu folgern, dass die Menschen heute nichts mehr „leisten“ wollen. Wir wissen, dass die Arbeitswelt auf der einen Seite heute so viel Leistung wie noch nie von den Menschen fordert und auf der anderen Seite nicht genügend Arbeit für alle da ist. Gerade junge Menschen erfahren immer öfter, dass sie keine oder nur prekäre Jobs bekommen – und zwar ganz unabhängig davon, wie viel sie leisten können oder wollen. Und sie erleben die Unsicherheit einer Zeit, die von einer Finanz- und Wirtschaftskrise enormen Ausmaßes geprägt ist. Sie erleben, dass es sich große Konzerne und Millionäre in der Globalisierung jederzeit „richten“ können  und mittels „Steuerkonstruktionen“ nicht wenige ihre Profite gerne „steuerschonend“ ins Ausland bringen.

Dass das zu einem enormen sozialen „Ungleichgewicht“ mit noch nicht absehbaren Folgen führen kann, zeigt sich besonders deutlich in den USA. Dort streben zwar sehr viele danach, Millionäre zu werden, der amerikanische Traum verwandelt sich allerdings zunehmend in einen Albtraum für Millionen: 2,5 Millionen Kinder sind dort inzwischen auf Grund der zunehmenden  Armut obdachlos! Und gleichzeitig wurde festgestellt, dass im Vorjahr rund 55 Prozent der US-Firmengewinne über Tochterunternehmen in Steuerparadiese gewandert sind.
 
Das finden immer mehr Menschen als unhaltbare Ungerechtigkeit. Aufgabe der Politik bei uns und weltweit kann nur sein, für einen gerechten Ausgleich zu sorgen – denn es geht um menschenwürdige Lebensbedingungen für alle und nicht um möglichst hohen Profit einzelner auf Kosten anderer. Das macht die Menschen auch bei uns mutlos, weil sie trotz größtem Fleiß und Einsatz in vielen Bereichen seit Jahren nominell keine Einkommenszuwächse erzielen. Ich habe größten Respekt vor den Menschen, die Angehörige pflegen, behinderte Familienmitglieder betreuen, Kinder großziehen. Auch solche Leistungen für unsere Gesellschaft gilt es zu würdigen. Und darüber hinaus brauchen den wir den Konsens, dass die solidarische Absicherung von Lebensrisiken eine menschenwürdige Gesellschaft auszeichnet. Wir brauchen Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen: für die Gesellschaft und für das Gemeinwohl. Daher gilt für mich: mehr Gerechtigkeit braucht das Land.


Franz Kehrer, MAS, Direktor der Caritas in Oberösterreich

 

Oberösterreichische Nachrichten