Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Eine Sorge weniger

Portraitfoto von Caritasdirektor Franz Kehrer, Mann mit Bart und Brille im Anzug;

Gastkommentar von Caritasdirektor Franz Kehrer MAS am 30.Jänner 2015 in den Oberösterreichischen Nachrichten

Der aktuell erschienene Sozialbericht lenkt wieder einmal den Blick auf die "Schwachstellen" unserer sozialen Situation in Österreich. Neben der ungleichen Verteilung von Einkommen und Vermögen springt auch wieder das Thema leistbarer Wohnraum ins Auge. Es wird sichtbar, dass es hier in der Vergangenheit strategische Versäumnisse gab, die immer gravierendere Auswirkungen für die Menschen haben. Es gab zwar Ankündigungen und Versprechen auf verschiedensten Ebenen, aber die konkrete Umsetzung hinkt beträchtlich hinter dem Bedarf an leistbarem Wohnraum nach. 

Rund 600.000 Menschen in Österreich müssen mehr als 40 Prozent ihres Einkommens für Wohnen und Energie ausgeben, und gerade Bezieher niedriger Einkommen sind überdurchschnittlich stark davon betroffen. Geringverdiener leben laut Statistik auch zu einem hohen Anteil in privaten Mietverhältnissen mit höheren Preisen. Und jeden Monat hören wir vom Verbraucherpreisindex, dass die Mieten wieder Preistreiber Nummer eins waren. In unseren Sozialberatungsstellen sind Probleme mit den Wohnkosten ein zentrales Thema.

Statistikzahlen sagen aber nicht alles. Sie sagen nichts über die Verzweiflung der Menschen, die zu uns kommen, weil sie sich eines der wichtigsten Dinge im Leben nicht mehr leisten können: das Dach über dem Kopf. Und Zahlen sagen auch nichts über die Existenzängste von zahlreichen Menschen in OÖ., die versuchen, eine für sie leistbare Wohnung zu finden. Das Thema Wohnen rückt beängstigend vom Rand in Richtung Mitte der Gesellschaft. Unsere Erfahrungen werden durch den Sozialbericht untermauert und Brennpunkte beleuchtet. Denn auch in OÖ. wurden bisher zu wenig wirksame Maßnahmen ergriffen.

Leistbaren Wohnraum für besonders armutsgefährdete Bevölkerungsgruppen zu schaffen, ist daher eine zentrale Forderung. Dafür müssten u.a. die Wohnbaugelder des Bundes wieder zweckgewidmet verwendet werden und es sollten auch die Baukosten von Genossenschaftswohnungen kritisch überprüft werden, damit die Mietpreise im sozialen Wohnbau auch wirklich "sozial" sein können. Denn Investitionen in den sozialen Wohnbau sichern und schaffen Arbeitsplätze und es wäre ein wirksamer Beitrag zur Armutsbekämpfung.
Den Menschen mit geringem Einkommen bliebe dann mehr Geld in der Tasche. Und sie hätten eine Sorge weniger.

Franz Kehrer, MAS
Direktor der Caritas in Oberösterreich