Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

„Man müsste das Problem an der Wurzel packen“ - die Geschichte eines syrischen Zahnarztes

Es gibt verschiedenste Gründe, die Flüchtlinge zwingen, ihre Heimat zu verlassen. Und es gibt mindestens ebenso viele Geschichten. Eine dieser Geschichten kann auch Wassim Aljouda erzählen. Und wenn man immer öfter hört: „Wir müssen das Problem im Bürgerkriegsland Syrien und dessen Nachbarländern an der Wurzel packen“, möchte man fast sagen: „Frag doch Wassim.“ Der 40-jährige, der im Caritas-Flüchtlingshaus in Wartberg/Krems ein neues Zuhause gefunden hat, ist Zahnarzt.

Wenn man wegfährt, gibt es immer jemanden und etwas, das man vermisst: Familie und Freunde, die man zurücklässt, einen bestimmten Ort, ein besonderes Essen, ein geliebtes Kleidungsstück oder einfach das eigene Bett. Dieses Gefühl ist noch schlimmer, wenn man keine Zeit zum Packen hatte, weil Krieg und Gewalt das eigene Leben bedrohen und man nur noch weg will. Wassim Aljouda flüchtete aus Angst um sein Leben. Sich in Syriens Hauptstadt Damaskus zu bewegen wurde damals von Tag zu Tag riskanter, in die Vororte zu fahren schlicht lebensgefährlich. Ein Gebiet, das gestern noch als sicher galt, war einen Tag später stark umkämpft. Als es dann immer öfter vorkam, dass in unmittelbarer Nähe die eine oder andere Bombe explodierte, fasste der 40-jährige im August 2014 den Entschluss zu fliehen.

Von Damaskus nach Wartberg/Krems

Am 18. August 2014 startete er seine Reise ins Ungewisse per Bus nach Beirut im Libanon. Von dort ging es dann mit dem Flugzeug in die Türkei. Nach zweiwöchiger Wartezeit in einem türkischen Küstenort, der für seine Schlepperaktivitäten bekannt ist, bestieg Wassim Aljouda eines der berüchtigten Flüchtlingsschiffe. Ein Schlauchboot, für vier bis sechs Personen zugelassen, wurde mit knapp 30 Personen „beladen“. Die Überfahrt wird Aljouda nie vergessen: „Man hatte kaum Platz zum Atmen. Zwischen angsterfüllten Murmeln der Menschen und Wimmern der vielen Kinder hörte ich ständig den stotternden Motor des Bootes und betete, dass er nicht ausfallen würde.“ Als dies dann doch passierte, erreichte einer der Mitreisenden dann glücklicherweise per Mobiltelefon einen Verwandten in Schweden (!), der wiederum die griechischen Behörden mobilisieren konnte. Nach 13 Stunden in Angst war der Zahnarzt schließlich auf Samos angekommen. Wie seine weitere Fluchtroute dann verlief, lässt sich nur erahnen. Denn in Athen fand er für 7.000 Euro Platz in einem Tanklaster. Eingepfercht auf engstem Raum zusammen mit drei weiteren Männern wurde er 48 Stunden später von der österreichischen Polizei auf der Autobahn nahe Graz befreit. Nach einem kurzen Aufenthalt in Traiskirchen erreichte er schließlich Wartberg/Krems.

„Unsere BetreuerInnen der Caritas und überhaupt die Menschen hier in Wartberg sind alle sehr nett. Sie haben uns ganz toll aufgenommen und uns vom ersten Tag an unterstützt“, sagt Wassim Aljouda. Seine Augen funkeln vor allem, wenn er über seine Profession als Zahnarzt erzählt. Sollte er einen positiven Bescheid bekommen, will er unbedingt als Dentist in Österreich arbeiten. Zuerst nur als Assistent, weil er, um selbst praktizieren zu können, eine Universitätsprüfung machen muss. Dass hierfür das Beherrschen der deutschen Sprache unabdingbar ist, weiß er und deshalb lässt er auch keine Möglichkeit verstreichen, weitere Deutschkurse zu belegen. Um auch medizinische Begriffe besser zu verstehen und zu erlernen hat er beim Roten Kreuz die Sanitätsausbildung absolviert und hilft seitdem ehrenamtlich ein-, zweimal die Woche mit. „Ich möchte den Menschen so ein klein wenig zurückgeben und ihnen für ihre Hilfsbereitschaft, die sie uns entgegenbringen, danken.“

Er fühle sich wohl in seinem neuen Zuhause, meint er, jedoch strahlen seine Augen erst richtig, wenn er über seine wahre Heimat spricht: „Syrien ist das Paradies“. Er verspüre große Sehnsucht irgendwann wieder zurückzukehren, zu seinen Eltern, seinen Geschwistern und vor allem zu seinem Zwillingsbruder, der auch Zahnarzt ist. Er hält es aber derzeit für schier unmöglich, dass sich die Situation schon bald zu einem Besseren wenden könnte. Der 40-jährige sympathisiert mit keinem der Protagonisten, denn „wer die Waffen erhebt, meint es nicht gut.“ Wassim Aljouda wünscht sich nichts mehr, als dass der Krieg in Syrien ein Ende findet. Könnte er dem Konflikt „den faulen Zahn ziehen“, er würde es tun.