Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Still und heimlich

Foto: Stiftinger

Gastkommentar von Franz Kehrer, MAS, Direktor der Caritas OÖ

Die Bilder vom überfüllten Erstaufnahmezentrum Traiskirchen und den Zeltlagern u.a. in Linz haben viele Menschen berührt und auch zu Protesten gegenüber diesen Zuständen geführt. Diese schlimmen Bilder gibt es nun nicht mehr, allerdings wurde die Situation auf eine nicht menschenwürdige Art „gelöst“: Seit einiger Zeit werden Menschen, die in Österreich einen Asylantrag stellen und in den Erstaufnahmezentren keinen Platz bekommen, ganz einfach auf die Straße „gestellt“. Ein großer Teil davon kann vorübergehend notdürftig in den bestehenden Transitquartieren für durchreisende Flüchtlinge unterkommen.

Auch in Linz war das bis zur Schließung des Postverteilungszentrums neben dem Bahnhof die Notlösung. Denn diese Menschen dürfen nicht sofort in die Grundversorgungsquartiere des Landes – wo es aktuell in OÖ. auch freie Plätze gäbe. Sie müssen zuerst in einer Erstaufnahmestelle des Bundes die ersten Checks absolvieren und werden dann vom Bund in die Länderquartiere zugewiesen. Bei der Caritas Flüchtlingsbetreuungsstelle am Bahnhof stranden daher nun täglich bis zu 100 Menschen und mehr, die obdachlos sind und nicht wissen, wo sie die nächste Nacht verbringen sollen.

Und wieder springt hier die Zivilgesellschaft ein: viele Privatpersonen haben sich gemeldet und beherbergen nun diese Menschen – darunter auch viele Frauen und Kinder - für eine oder zum Teil auch mehrere Nächte. Ein ganz herzliches Danke dafür allen engagierten Privatpersonen sowie u.a. dem „Solidary Team“, dem Verein Arcobaleno, kirchlichen Einrichtungen und weiteren Institutionen. Ein Danke auch an Landesrat Rudi Anschober, der sich um eine Lösung bemüht. Aktuell sieht es so aus, dass ein Teil des Postverteilungszentrums bald wieder genützt werden kann – leider ist jedoch ungeklärt, ob es tatsächlich auch als Unterkunft für obdachlose AsylwerberInnen genutzt werden kann oder nur Durchreisenden zur Verfügung steht.  

Obdachlosigkeit ist generell ein Problem in unserer Gesellschaft, gegen das noch viel zu wenig getan wird. Es gibt zwar für „InländerInnen“ einige Einrichtungen, Maßnahmen wie die Schaffung von leistbarem Wohnraum müssten bei Bund und Ländern aber unbedingt ganz oben auf der Agenda stehen. Keinesfalls darf sich der Staat einfach still und heimlich aus seiner Verantwortung stehlen und Menschen ebenso heimlich in die Obdachlosigkeit schicken. Menschlichkeit und Solidarität müssen Vorrang haben in unserer Gesellschaft – insbesondere auch vor politischen Interessen.

 

Franz Kehrer, MAS, Direktor der Caritas in Oberösterreich