Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Im Gespräch mit der Syrerin Maian Atassi-Auf

Foto: Maian Atassi-Auf lebt seit 13 Jahren in Wien. 2011 gründete die Syrerin gemeinsam mit ihrem Mann den „International Humanitarian Reflief“, eine NGO, um syrischen Flüchtlingskindern einen Schulbesuch zu ermöglichen.

 

In der aktuellen Ausgabe unserer Zeitung "nah dran" unterhalten wir uns mit Maian Atassi-Auf, die mit 21 Jahren von Homs/Syrien nach Wien zog. Sie spricht über die kulturellen Unterschiede zwischen der österreichischen und der syrischen Kultur, wie sie sich durch ihre Zeit in Österreich verändert hat und was für gelungene Integration wichtig ist.

nahdran: Wie ging es Ihnen, als Sie nach Österreich kamen?
Atassi-Auf: "Das war für mich eine schwierige Zeit, weil ich nur meinen Mann kannte. Man ist da natürlich einsam. Für mich war alles komisch, vor allem die Sprache. Ich habe nichts verstanden. In Syrien habe ich Deutsch-Stunden genommen, aber die ersten sechs Monate habe ich nur Englisch gesprochen, weil Deutsch für mich sehr schwer war. Das Gute war, dass mein Mann mich gleich in ein Institut geschickt hat, um die Sprache zu lernen. Die ersten Jahre habe ich intensiv Deutsch gelernt, bis ich an die Uni gehen konnte. In Syrien hatte ich ein Studium angefangen. Das wollte ich in Wien abschließen. Die meisten Fächer konnte ich mir nicht anrechnen lassen, aber dadurch war ich mehr mit der Sprache konfrontiert. Es ist gut, wenn man immer mit der Sprache in Kontakt ist."

nahdran: Wie ging es Ihnen im Alltag?
Atassi-Auf: "Als ich hierher kam, war Österreich noch sehr verschlossen. Es war mühsam, bis ich jemanden gefunden habe, der Englisch gesprochen hat. Viele wollten unbedingt, dass ich Deutsch spreche. Ich verstehe das, aber ich war gerade einmal einen Monat hier - ich konnte nicht Deutsch sprechen. Man wird jedoch behandelt, als wäre man seit Ewigkeiten hier und könnte die Sprache noch immer nicht. Mittlerweile ist Österreich aber viel offener geworden."

nahdran: Wie lange haben Sie gebraucht um sich einzugewöhnen?
Atassi-Auf: "Es hat bei mir sicher über ein Jahr gedauert, bis ich die Kultur und Mentalität kannte. In dieser Zeit beobachtet man, welche Unterschiede es gibt. Bei uns ist zum Beispiel die Gastfreundschaft sehr wichtig. In Österreich ist man zwar auch gastfreundlich, aber bei uns ist das 'mehr'. Man kocht sehr viel für Gäste. Wenn zwei kommen, kocht man nicht einfach für zwei Teller, sondern fünf, sechs Gerichte und jeder nimmt, was er will. Wir sagen Gästen auch nie, dass sie die Schuhe ausziehen sollen. Das wäre für uns peinlich, insbesondere wenn jemand elegant gekleidet ist. In Österreich ist es normal, dass man die Schuhe auszieht."

nahdran: Wie erleben Sie die österreichische Kultur?
Atassi-Auf: "Österreich geht sehr großzügig mit der Gestaltung der eigenen Kultur um. Es gibt viel Freiraum. Bei uns ist man nicht sehr offen für die Veränderung der Traditionen. Alle gehen freitags zum Gebet, auch wenn sie nicht beten. In Österreich gehen manche am Sonntag in die Kirche, andere schlafen länger, wieder andere machen einen Ausflug. Diese Vielfalt in Österreich gefällt mir sehr."

nahdran: Welche Unterschiede sehen Sie noch?
Atassi-Auf:
"Bei uns ist es sehr unhöflich, einen Freund nicht zu besuchen, der krank ist. Hier ist es unhöflich jemanden zu stören, wenn man weiß, dass er Kopfweh hat. Als meine Mutter gestorben ist, sind sofort alle syrischen und arabischen Frauen gekommen, ohne zu fragen. Nach zwei bis drei Wochen haben mich meine österreichischen Freundinnen vorsichtig angerufen und sich entschuldigt, dass sie anrufen. Man versucht sehr behutsam miteinander umzugehen. Das sind total unterschiedliche Mentalitäten.
Was ich schade finde hier, ist dass die Gesellschaft keinen Platz hat, Gefühle zu zeigen. Man ist immer hinter einer Fassade und niemand will Schwäche zeigen. Nicht viele weinen öffentlich. In Syrien ist man viel emotionaler."

nahdran: Wie gehen Sie mit diesen kulturellen Unterschieden um?
Atassi-Auf: "Es ist eine Gnade Gottes, wenn man Einblicke in eine andere Kultur bekommt. Dort wird etwas ganz anders gemacht, als man selbst gewohnt ist, und man sieht: So geht es auch. Wenn man keine andere Kultur kennt, ist man am Anfang verschlossen und ist sich dessen aber nicht bewusst. Man nimmt die eigenen Werte als die einzig richtigen her. Hier habe ich gelernt,wie bereichernd die Unterschiedlichkeit ist. Bei uns wird vieles nicht süß gegessen, was in Österreich süß hergerichtet wird. Joghurt beispielsweise. In Österreich wirkt es seltsam, wenn ein Naturjoghurt zum Essen gegessen wird. Bei uns wird es zur warmen Hauptspeise gereicht. Umgekehrt wirkt es auf uns total komisch, Joghurt nur mit Früchten zu essen.
Das ist es eine tolle Sache, viele Kulturen zu sehen und auszutesten. Es geht um die Idee der Vielfalt - es geht darum zu sehen, dass man ein Joghurt unterschiedlich verwenden kann."

nahdran: Was fällt Ihnen heute noch schwer?
Atassi-Auf: "Für mich ist es noch immer unangenehm, mit Menschen aus westlichen Kulturen zu reden, weil sie einem direkt in die Augen schauen. In Syrien schauen wir uns nicht direkt in die Augen. Das ist eine sehr intime Angelegenheit. Wenn ein Mann mir zeigen möchte, dass er mich liebt, schaut er mir in die Augen. Auf der anderen Seite ist es in Österreich unhöflich, wenn man sich nicht ansieht, während man miteinander redet - oft wirkt es sogar verächtlich. Ähnlich ist es mit dem Hände-Schütteln. Manche religiöse Menschen schütteln die Hand gar nicht, weil sie glauben, es ist respektvoller für die Frau, um zu zeigen: Ich gaffe dich nicht an. Sie meinen es nicht Frauen-verachtend. Natürlich gibt es Bevölkerungsschichten, die glauben, Frauen sind die letzten. Aber die gibt es auch in Österreich."

nahdran: Was ist wichtig für eine gelungene Integration?
Atassi-Auf: "Ich sage immer, Integration kommt nicht von einer Seite, Integration muss immer von zwei Seiten her stattfinden. Wenn ich sehe, dass mich jemand überhaupt nicht mag, warum soll ich mich anpassen? Aber wenn ich sehe, dass man mich empfängt, bemühe ich mich, um dem näher zu kommen."

nahdran: Wie geht es denen, die jetzt aus Syrien kommen, mit ihrem kulturellen Hintergrund?
Atassi-Auf: "In Syrien lieben wir das Fremde. Der Gast ist bei uns König. Das ist natürlich ein Kulturschock für die Leute, die kommen und sehen, die Menschen hier mögen sie gar nicht. Noch dazu kommen sie nicht als Touristen, sondern sind traumatisiert. In dieser Situation erleben sie, dass die Einheimischen sie nicht mögen. Das ist das schmerzhafteste Gefühl - wenn ich verbrannt bin und gesagt bekomme: Geh weg."

nahdran: Welche Gemeinsamkeiten sehen Sie zwischen der österreichischen und syrischen Kultur?
Atassi-Auf: "Ich glaube, Menschen haben viel mehr gemeinsam als sie nicht gemeinsam haben. Die Offenen sind offen und die Verschlossenen sind verschlossen, egal ob sie Syrer, Österreicher, Afghanen oder Amerikaner sind. Die offenen Menschen respektieren andere Lebensweisen und sagen: 'Ok, das ist dein System, aber ich habe auch ein System. Ich bin zufrieden mit meinem. Und zwischen unseren Systemen gibt es sicher viel gemeinsam.' Ich habe meinen Kindern immer gesagt, das Tollste ist, wenn man von allen Kulturen das Gute nehmen kann. Wenn ich eine Idee finde, die besser als meine ist - ein Rezept, eine Gewohnheit -, dann lasse ich meine weniger gute Idee fallen. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass ich in Österreich lebe und eine andere Kultur gesehen habe. Ich habe gelernt, dass unsere Kriterien und Voraussetzungen nicht immer richtig sind. Aber auch hier gibt es Dinge, die nicht immer richtig sind. Und ich darf zwischen beiden Paradigmen auswählen."