Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Wenn Wolken das fortgeschrittene Arbeitsleben trüben

28.02.18

Wenn sie nicht SeniorInnen zuhause unterstützt, widmet sich Silvia Reiner den Menschen im Seniorenwohnhaus St. Anna und tut mit ihnen, wofür im Pflegealltag wenig Zeit bleibt – zum Beispiel den ganzen Tag spazieren zu gehen. Über die Aktion 20.000 fand sie Arbeit beim Projekt „Selbständig leben daheim“.

 

Ältere Arbeitssuchende haben es oft schwer, noch einen Job zu finden. Sie haben Erfahrung und Können, schreiben Bewerbungen - jedoch gefühlt für den Mülleimer. Die Aktion 20.000 schuf Jobs für diese Menschen. Silvia Reiner und Walter Marschalek erhielten dadurch noch im November 2017 eine Anstellung – in Jobs, die gebraucht werden. Über die Chancen, die mit der Einstellung der Aktion in den Wind geschrieben werden.

Wenn Gertrud O. spazieren gehen will, ist der Weg nicht weit: Die „übliche Route“ führt sie vor ihre Wohnungstür im 5. Stock auf den kahlen Gang. Mit dem Rollator geht die 80-Jährige einmal um die Ecke, dann wieder zurück. Eigentlich ein kurzer Weg. Alleine kann sie ihn dennoch nicht bestreiten. Drei Meter vor ihrer Wohnung ist eine schwere Brandschutztür. Ohne Hilfe bekommt sie diese nicht auf. Wie ein Vogel im Käfig fühlt sie sich manchmal.

Weg will sie dennoch nicht aus der kleinen GWG-Wohnung. Seit 40 Jahren ist diese ihr Zuhause. Sie hat hier mit ihrem Mann gewohnt, bis dieser vor 14 Jahren verstarb. In den engen Räumen lebt die Erinnerung eines halben Lebens. Die Wände sind gespickt mit Fotos der vier Enkel. Der einzige Wunsch, den die Seniorin noch hat: wieder gesund werden und hier bleiben.Punkt 8 Uhr klopft Silvia Reiner an der Tür. Zweimal pro Woche kommt sie zu der Seniorin. Die beiden haben sich quasi gesucht und gefunden. Gertrud, um dem Leben im Vogelkäfig zu entkommen, suchte Gesellschaft und Unterstützung. Silvia Reiner, 53, seit vier Jahren arbeitslos, suchte einen Job. Vier Kinder hat sie als Alleinerzieherin großgezogen, war dadurch einmal vier und einmal fünf Jahre zuhause. Abgesehen davon hat sie stets gearbeitet – mal ein Jahr als Näherin, mal als Reinigungskraft und Saunawartin, und vier Jahre lang betreute sie einen Pensionisten bis zu seinem Tod. Eine Berufsbiografie, bei der sie ab 50 als schwer vermittelbar galt. Auf Bewerbungen erhielt sie keine positive Rückmeldung mehr. In der Hoffnung auf einen Job absolvierte sie noch mit 51 Jahren die Ausbildung zur Bürokauffrau. Vergebens. Mit jeder Absage wurde das Hoffnungsflämmchen kleiner. Nach vier Jahren war nicht mehr viel davon übrig. „Ich habe mich so geschämt“, erinnert sie sich. „Der Selbstwert leidet so stark.“ Da war sie, Anfang 50, lernwillig, arbeitswillig, topfit. „Das Schlimmste war das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden.“


Lesen Sie die vollständige Reportage über die Menschen, die durch die Aktion 20.000 eine Arbeit gefunden haben, in der aktuellen Ausgabe der „nah dran“. Kostenlos abonnieren bei der Caritas Information, Tel. 0732/7610-2020, information(at)caritas-linz.at