Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

"Beseitigung von Armut sieht anders aus" - Ein Gastkommentar in den OÖ Nachrichten

17.10.18

Foto: Caritas/Wakolbinger

Gastkommentar von Franz Kehrer, MAS, Direktor der Caritas in Oberösterreich, zum Tag der Beseitigung der Armut am 17.10.2018, in den Oberösterreichischen Nachrichten.

Um 0,1 Prozent hat die Zahl der BezieherInnen von Mindestsicherung von 2016 auf 2017 zugenommen Aktuell geben alle Bundesländer an, dass die Zahlen rückläufig sind oder stagnieren. 0,9 Prozent ist der Anteil der Mindestsicherung an den gesamten Sozialausgaben in Österreich – gut investiertes Geld für Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. 606 Euro erhalten Mindestsicherungs-EmpfängerInnen im Schnitt im Monat, 8,5 Monate ist die durchschnittliche Bezugsdauer. Denn es war immer schon eine Überbrückungshilfe und die Aufnahme von Arbeit war immer schon Verpflichtung.

Objektiv betrachtet ergibt sich aus diesen Zahlen kein Handlungsbedarf. Dennoch ist unsere Regierung der Ansicht, dass diese solidarische staatliche Nothilfe dringend reformiert und gekürzt werden soll. Eine schlechte Nachricht am heutigen Tag zur Beseitigung der Armut. Von Armut betroffene Menschen in Österreich sollen also künftig noch ärmer gemacht werden. Die Wirtschaftsuni Wien hat kürzlich in einer Studie festgestellt, dass die Kluft zwischen Arm und Reich in Europa wächst. Ärmere Bevölkerungsgruppen sind in den letzten fünf Jahren noch ärmer geworden. Arme Menschen haben keine Lobby und vielfach schämen sie sich für ihre Situation und sehen keine Perspektiven für sich und oft auch nicht für ihre Kinder in unserer komplexen Gesellschaft Teilhabe zu erlangen.

Schauplatzwechsel: Laut Statistik Austria verteuerten sich in den vergangenen zehn Jahren die Hauptmieten in Österreich um 36,4 Prozent von 7,7 auf 10,5 Euro pro Quadratmeter. Menschen mit geringem Einkommen müssen bereits bis zu 50 Prozent ihres Geldes für Wohnkosten ausgeben. Wohnen wird daher immer mehr zu einer Armutsfalle für breite Bevölkerungsschichten. Maßnahmen der Regierungen wären dringend notwendig.

Die Reduzierung von Armut und das Wohl aller stehen also in Österreich offenbar nicht auf der Agenda sondern Kürzungen gehen offensichtlich recht einfach von der Hand. Wo bleiben die Maßnahmen gegen Steueroasen? Warum sind die vermögensbezogenen Steuern in Österreich im EU-Vergleich sehr gering?

Gerechtigkeit sieht anders aus. Beseitigung von Armut sieht anders aus. Das hieße nämlich, sich die Probleme und die Lebensrealitäten der Menschen genau anzusehen. Und kluge Lösungen zu überlegen, welche Hilfen zur Selbsthilfe gegeben werden können, damit sie sich aus der Armutsspirale befreien können. In den Caritas-Lerncafés sehen wir zum Beispiel, wie mit kostenloser Nachhilfe und Motivation die Freude am Lernen und die Schulerfolge von Kindern aus eher „bildungsfernen“ Familien grundlegend verbessert werden können. Sie erhalten dadurch mehr Chancen im Leben und werden dann dem Staat sehr wahrscheinlich seltener „auf der Tasche liegen“. Es kann nur Sinn machen, tatsächlich die Ursachen von Armut zu bekämpfen – nicht die Armen.