Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Was dahinter steckt: Trauma und Überlebensstrategie

August Hinterberger leitet „invita“, das Betreuungs-, Förderungs- und Beschäftigungsangebot der Caritas OÖ für Menschen mit psychischen Problemen. (Foto: hinterberger)

Neben biologischen Ursachen ist es oft ein unverarbeitetes Trauma, das langfristig eine psychische Erkrankung auslöst. Es kann ein Schocktrauma bei einem Autounfall sein, wodurch ein Mensch, der mit beiden Beinen fest im Leben stand plötzlich psychischen Beistand braucht. Oder auch ein Bindungstrauma durch schwierige familiäre Verhältnisse, das einen guten Start ins Leben gar nicht erst ermöglichte. August Hinterberger spricht im Interview über die Entstehung von Traumen und wie sie uns helfen, das Verhalten von Menschen mit psychischen Problemen zu verstehen.

 

Wie entsteht ein Trauma?

Hinterberger: „In der Traumaforschung spricht man von mehreren Arten von möglichen Traumatisierungen: Schocktrauma durch ein plötzliches Ereignis wie einen Unfall, Entwicklungstrauma, Bindungstrauma, transgenerationale Trauma, d.h. ein Trauma wird von einer Generation an die nächsten weitergegeben, z.B. Kriegstraumen.“

 

Welche begegnen euch in der Arbeit bei „invita“?

Hinterberger: „Wir sind häufig mit Menschen in Kontakt, die ein mehr oder weniger starkes Bindungstrauma aufweisen. Das bedeutet bei weitem nicht, dass alle traumatisierten Menschen psychisch krank sind. Aber viele Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung haben starke Traumatisierungen erlebt.“

Was ist das Problematische an diesen Bindungstraumen?

Hinterberger: „Bindungstraumen erfahren in der Regel Kinder und junge Menschen. Diese werden durch Bindungspersonen verursacht, z.B. Misshandlung oder Missbrauch im engsten Umfeld. Dies stellt eine besondere Belastung dar, weil die ganze Welt durch diese wiederholten Verletzungen zu einem unsicheren Ort wird. Die Menschen entwickeln daraus Überlebensstrategien, die sie ganz stark verinnerlichen müssen – in der Traumaforschung spricht man tatsächlich auch von Trauma-Überlebenden. Diese Strategien bereiten ihnen im weiteren Leben allerdings auch Probleme und führen zu ungewöhnlichen Verhaltensweisen, welche wir oft nicht verstehen können.“

Entsteht das Verhalten rein aus Überlebensstrategien?

Hinterberger: „Ja, manchmal ist das tatsächlich so. Vor allem Kinder müssen in gewaltbereiten Systemen ihr Leben und ihre Gesundheit schützen. Darüber hinaus führen Traumen auch zu neurophysiologischen Veränderungen der Reizverarbeitung. Bestimmte Gehirnareale können ihre Funktion nicht mehr ausüben, was dazu führt, dass traumatische Erlebnisse nicht integriert werden können. Dadurch wiederum folgt eine ständige erhöhte Alarmbereitschaft, welche zu unverhältnismäßigen Reaktionen führt.“

Warum ist die Begleitung dieser Menschen so fordernd?

Hinterberger: „Menschen mit psychischen Erkrankungen berichten über eine sehr fragmentierte Wahrnehmung ihrer selbst. Sie nehmen sich kaum als eine integrale Einheit wahr – viel mehr als ein unzureichendes Zusammenspiel vieler verschiedener Körper-, Persönlichkeits- und auch Gesellschaftsanteile. Mit  diesen Anteilen versuchen sie in Verbindung mit einem Gegenüber zu treten. Aber eben jeder Anteil für sich mit einem geeignet erscheinenden Gegenüber - was wir alle übrigens auch sehr häufig machen. Das gibt uns das Gefühl, dass sie versuchen zu spalten. Wir erleben das als manipulativ – häufig reagieren wir darauf auch heftig und vorwurfsvoll. In den seltensten Fällen ist das aber eine bewusste Manipulation. Unsere Wahrnehmung  ist vielmehr der Spiegel für diese innere Zerrissenheit und verloren gegangene Fähigkeit einzelne Anteile zusammen als Ganzes wahrzunehmen.“

Was hat sich im professionellen Umgang verändert?

Hinterberger: „Neue Ansätze in der Begleitung dieser Menschen wie die Traumapädagogik helfen uns wesentlich weiter. Unsere Haltung hat sich verändert – es geht nicht mehr darum, die Verhaltensweise der Menschen zu korrigieren, sondern Trauma-Folgeabläufe zu verstehen und am Umfeld zu arbeiten – hier können wir viel gestalten. Wir versuchen z.B. den Lebensort als sicheren Ort zu gestalten. Verlässliche und nicht verletzende Bindungen aufzubauen.

Diese Haltung zu verinnerlichen und umzusetzen ist extrem fordernd und alles andere als der leichte Weg. Durch Re-Traumatisierungen kann es immer wieder zu Rückschlägen kommen. Gelingt es jedoch, sind die Erfolge bei weitem beständiger.“

Können Traumatisierungen bei allen Menschen auftreten?

Hinterberger: „Jeder von uns erlebt laufend mehr oder weniger starke Traumen. Ob sich daraus eine Traumafolgestörung entwickelt, hängt von vielen Faktoren ab – jeder von uns reagiert auf Belastungen und Verletzungen völlig unterschiedlich. Jemand kann ein extremes Erlebnis gut verarbeiten, während jemand anderer durch einen banalen Unfall traumatisiert wird. Wir sprechen hier von Resilienzfaktoren. Diese sind für eine Traumaverarbeitung von hoher Bedeutung.

Ein kurzer wesentlicher Tipp: Unmittelbar nach einem traumatischen Erlebnis nicht über das Erlebte sprechen, keinesfalls über Einzelheiten. Helfende sollten nicht danach fragen! Das klingt komisch – aber in der Akutphase darüber zu sprechen stellt eine Reinszenierung dar und löst sehr leicht eine sofortige Retraumatisierung aus. Die Zeit heilt hier tatsächlich Wunden.“

Lesen Sie weitere Geschichten darüber, wie Menschen mit psychischen Problemen unterstützt werden können, in der aktuellen Ausgabe der „nah dran“. Kostenlos abonnieren bei der Caritas Information, Tel. 0732/7610-2020, information(at)caritas-linz.at