Bosnien-Herzegowina

Violetta Maric, 2014

Ein Bild von Violetta Maric mit Blick auf das Meer im Hintergrund.

Es sind nun schon 4 Monate die ich in Bosnien bin, das macht mich schon traurig, das Ende nähert sich.

Nichts im unseren Leben ist Zufall. Kann Er, der die Ordnung und den Rhythmus des großen Kosmischen Universums plante, von dem ich ein Teil bin, anderes als Ordnung in das Leben bringen, das so fest von Ihm geleitet wird?

Dort wo ich jetzt bin, hat Er mich hingestellt ....Ich berühre viele Leben, jedes mit seinen individuellen Problemen, doch sehe ich in jedem einen Teil meines Körpers... Ich habe bemerkt, dass Andere mehr und mehr meine Gegenwart suchen und wünschen.... Mir ist bewusst das ich nur ein Instrument für Ihm bin und das erfühlt mich so sehr, ich kann mich nur als glücklich betrachten... Wenn mich dieses Gefühl überkommt, dann finde ich nur noch Frieden mit den lieben Menschen.... Der Pfad ist schmal, das Ziel liegt vor mir.... Was nie versagen wird, dennen Trost zu geben.

,,Haltet und sucht alle Gebote des Herrn, eures Gottes"

Judith Wallisch, Februar-April 2013

Ein Gruppenfoto von Judith Wallisch mit beeinträchtigten Menschen.

Abschied nehmen - es ist nicht das erste Mal im Leben, aber bestimmt einer der schwersten Abschiede. Schon Wochen vorher hatte ich jedes Mal Tränen in den Augen, wenn ich mir überlegte, dass meine Zeit mit den liebgewonnenen Menschen in Bosnien und Herzegowina begrenzt sein würde.

Vor meinem Einsatz für die Caritas Mostar hatte ich nie mit Menschen mit Behinderung zu tun gehabt. Ich hatte nicht gewusst, wie viel Liebe und Aufrichtigkeit in ihnen steckt, und wie schön es ist, mit eben dieser Liebe und Freude jeden Tag empfangen zu werden, ihnen helfen zu dürfen, mit ihnen zu plaudern und zu lachen.

Mein Bus, mit dem ich nach 13-stündiger Fahrt wieder in Wien ankommen werde verlässt Mostar und ich weiß, dass ich, auch wenn ich irgendwann zurückkomme, diese Zeit niemals werde wiederholen und dieses Land in dieser Intensität werde erleben können.

Es tut weh, zu wissen: Ich kann nicht mehr mit Ivano kuscheln, der so alt ist wie mein Sohn aber nie mit anderen Kindern wird spielen können. Ich kann mit Slavko keine Gänseblümchenketten mehr im Garten machen oder ihm zeigen, wie man auf Grashalmen pfeift und keine Blumen mehr für Rudi, der ebenso im Rollstuhl sitzt, pflücken. Ich kann nicht mehr in der Werkstätte Emanuel Kerzenleuchter bemalen und Sinišar dabei helfen, sie trockenzuföhnen um dann ein begeistertes "Odlično, odlično!" ("Ausgezeichnet, ausgezeichnet!") dafür zu bekommen, mich nicht mehr von seinem Lachen anstecken lassen.

Vielleicht kann ich nie wieder mit Mario schaukeln und mit ihm und Davor eingehängt spazieren gehen. Ich kann Nelas gewebten Teppich nicht mehr bestaunen und hören, dass ich ihre beste Freundin sei.

Ich werde nie wieder von Vana im Kindergarten mit "Teta, teta!" (Tante, Tante!) und einer Umarmung empfangen werden, nie wieder von der alten Frau bei der Heimkrankenpflege ein Pfefferminzbonbon geschenkt bekommen.


Vielleicht ist es gut, dass die Zeit für gewisse Lebensabschnitte begrenzt ist, weil man sie dadurch intensiver erleben kann, nicht müde wird vom Alltag, weil man, wenn man geht, wenn es am schönsten ist, auch die schönsten Erinnerungen im Herzen behalten kann.


Und so lasse ich diese Zeit hinter mir, eine Zeit, in der ich so viel Neues gelernt habe, in der ich gesehen habe, dass es Menschen gibt, die jeden Tag im Leben von schwerstbehinderten Kindern als Geschenk Gottes sehen, und die ich unendlich für ihre Lebensfreude bewundere, in der ich gelernt habe, selbst auf Menschen mit Behinderung zuzugehen, in der ich gesehen und gespürt habe, wie man unter einfachsten Bedingungen und oft großer Armut in einem Land knapp 600 km von Österreich entfernt leben und sich dennoch ein Lächeln bewahren kann.


Und ich nehme diese Erfahrungen mit in das saubere, strukturierte und hektische Wien, bin stolz, dass ich meinen Kindern von dieser anderen Welt erzählen kann, höre auf das Ticken der fröhlichen Uhr, die ich in Gemeinschaftsarbeit in der Werkstätte gemalt habe und freue mich über das Weintraubenbild aus Tonkugerl, die Rudi Montag- bis Mittwochvormittag rollt.
Und mehr denn je freue ich mich, dass ich in einer Stadt lebe, in der es viele MigrantInnen gibt, in der ich Burek und Sirnica im Lokal an der Ecke essen und mit dem Wirten auf Serbokroatisch plaudern kann.


In der Zeit eines Abschieds und danach fällt es mir oft schwer, positiv zu denken und mich auf Neues einzulassen. Aber ich weiß, dass langfristig die geteilte Freude und das Glück darüber, diese Zeit erlebt zu haben, überwiegen.