Sibirien

Julia Stindl, 2013

In den letzten Wochen vor meiner Abreise war die Nervosität groß. Wird mein Russisch ausreichen, um mich zu verständigen? Werde ich mich in die Arbeit mit den Kindern gut einfinden? Werde ich nette Kollegen finden? Was, wenn mit dem Visum etwas nicht stimmt? Was packe ich ein für ein Land, in dem es im Juli unerträglich heiß und im Oktober schon richtig kalt ist? Dieses und noch vieles mehr ging mir durch den Kopf.

Die aufgeregte Vorfreude wurde, kaum angekommen, abgelöst, von der freudigen Aufregung endlich hier zu sein. Jetzt, nachdem ein Monat vergangen ist seit ich russischen Boden betreten habe, kann ich rückblickend feststellen, wie ich mich immer mehr an meine neue Aufgabe, an Sprache, Menschen und das Leben hier gewöhnt habe. Langsam aber sicher hat sich meine Aufregung (nicht meine Freude) gelegt. Das merke ich nun insbesondere daran, dass die Wochen wie im Flug vergehen. War doch kaum Montag und nun ist schon wieder Freitag...

An dieser Stelle ist es, bevor ich weitererzähle, auch an der Zeit denen zu danken, die dafür gesorgt haben, dass ich hier so gut angekommen bin und so warmherzig willkommen geheißen wurde.
Allen voran Gaby und Sr. Elisabeth. Gaby hat nicht nur diesen Aufenthalt von Linz aus organisiert, sondern hat mich, durch Kaffee und ihrem herzlichen Schmäh, die weite Anfahrt von Graz nach Linz am frühen Morgen nicht bereuen lassen.

Am Flughafen in Novosibirsk wurde ich schon von Sr.Elisabeth, der Direktorin erwartet. Sie erheitert uns den Alltag nicht nur mit lustigen Anekdoten aus ihrer langjährigen "Russland-Erfahrung", sondern versüßt uns unsere Zeit auch immer wieder mit selbst gebackenen Kuchen oder Brot. Wir konnten uns auch gleich von ihren Pfadfinderfähigkeiten überzeugen, als sie am Strand für uns aus einem Schlafsack, Gras und herumliegendem Holz ein Zelt gebaut hat. Dankbarerweise hat uns Sr.Elisabeth gleich zwei Mal "entführt" und ist mit uns zum Obsker Meer gefahren, einem für österreichische Verhältnisse gigantischen, tatsächlich meerähnlichen Stausee. Die Woche darauf kamen wir in den Genuss gemeinsam mit Sr. Elisabeth und den Schwestern der hl. Elisabeth, die im Kinderheim arbeiten, zu einer Feier nach Tomsk zu fahren und die Stadt zu besichtigen.

Sr. Elisabeth umsorgt nicht nur ihre freiwilligen Mitarbeiter, sondern leitet auch die Caritas umsichtig und mit Elan. Leider wird sie ihren Dienst in Russland mit Anfang September beenden und nach Deutschland zurückkehren.

Zu meinem großen Glück habe ich hier in den anderen Freiwilligen sofort Freunde gefunden. Waren wir zu Beginn meines Einsatzes noch zu viert, so sind wir nun noch zu zweit, Ina und ich. Ina arbeitet bereits das vierte Mal als Freiwillige für die Caritas in Novosibirsk. Während ihrer früheren Aufenthalte arbeitete sie im Kinderheim, wohingegen sie jetzt im Büro der Caritas in erster Linie PR-Tätigkeiten ausführt.

Da meine Russisch-Kenntnisse noch ausbaufähig sind, arbeite ich im Kinderklub "Narnija" in der Stadt. Der Kinderklub betreut zurzeit etwa 20 Kinder im Alter von zwei bis 14 Jahren, wobei die meisten Kinder zwischen vier und zehn Jahre alt sind. Der Großteil der Kinder wächst, stark vernachlässigt, in einem sozial gefährlichen Umfeld auf. Es ist es eine zentrale Aufgabe des Kinderklubs, den Kindern grundlegende Dinge für ihr späteres Leben beizubringen. Die Kinder lernen sich selbst zu versorgen, einen Haushalt zu führen und sich um andere zu kümmern. Deshalb wird nicht nur gespielt, sondern so kochen die älteren Kinder zum Beispiel täglich das Mittagessen für alle.

Mehrmals die Woche koche ich mit den Kindern, unter anderem auch österreichische Gerichte. Große Verwunderung haben bisher Gerichte wie Frittatensuppe (Blini in der Suppe?) und Lauchcremesuppe (Milch in der Suppe?) ausgelöst, wurden aber letztendlich doch aufgegessen.
Die Aufsicht über 20 Kinder hat auch dafür gesorgt, dass ich den russischen Imperativ nun einwandfrei beherrsche.

Die Arbeit macht Spaß, allerdings bin ich mir sicher bei meiner Rückkehr das ein oder andere graue Haar zu finden.
Vormittags arbeite ich in der Regel im Büro der Caritas-Zentrale mit. Ich verfasse deutsche Texte, tippe russische Texte ab oder archiviere den großen Spielebestand. Die Arbeit im Büro gibt mir auch die Zeit mich auf den Nachmittag mit den Kindern vorzubereiten und bietet mir einen guten Ausgleich.

Am meisten freut es mich aber, dass ich auch in meinem Beruf arbeiten kann. Ich habe bereits zwei Kinder im Mutter-Kind-Heim physiotherapeutisch betreuen können. Ebenso habe ich für die Mütter einen kleinen Babymassagekurs angeboten.
Mit einigen Müttern aus dem Mutter-Kind-Heim habe ich mich bereits angefreundet und wurde deshalb nicht nur zum Essen, sondern auch schon zu Geburtstagsfeiern eingeladen. Dort bin ich auch schon in den Genuss von einigen mit Inbrunst vorgetragen russischen Liedern gekommen.

In meiner Freizeit bleibt aber auch Zeit um Novosibirsk mit seinen zahlreichen Märkten zu erkunden.
Es ist erstaunlich, wie viele Eindrücke man in einem Monat sammeln kann und ich freue mich auf die zwei weiteren Monate, die ich hier verbringen darf.

Lisa Wolfsegger, Juli-Sept. 2012

Ein Bild von Lisa Wolfsegger mit einer Landkarte als Hintergrund

Von Juli bis September 2012 durfte ich schöne und lehrreiche 70 Tage in Russland verbringen. Inspiriert durch mein Studium spielte ich schon länger mit dem Gedanken eines Freiwilligeneinsatzes und ich sah letzten Sommer als geeigneten Zeitpunkt dies in die Tat umzusetzen - die Caritas bot mir die idealen Rahmenbedingungen dafür.

Somit kam ich am 8. Juli bei meiner Stelle in Tscheljabinsk an, wurde dort von meiner Vorgängerin empfangen und sie zeigte mir meine zukünftige Arbeitsstelle, der Kinderclub der Caritas Tscheljabinsk. Der Kinderclub ist neben dem Mutter-Kind Heim und der Krankenpflege eines der Projekte dort. Ab der zweiten Woche war ich alleine und wurde ins "kalte Wasser" im 45° heißem Sibirien gestoßen - ich fuhr mit den Kindern in ein Ferienlager. Nach einer Woche ging es wieder zurück nach Tscheljabinsk und ich verbrachte meine restliche Zeit dort.

Die Arbeit mit den Kindern war sehr schön, auch wenn die Hintergrundgeschichten traurig waren, da diese aus sozial schwachen Familien kommen. Ich merkte jedoch, dass sie sich im Club wohl fühlen - dort bekommen sie etwas Warmes zu Essen und die Möglichkeit, ihre Zeit mit Gleichaltrigen zu verbringen. Meine Aufgabe bestand darin, die Pädagoginnen bei der Betreuung der Kinder zu unterstützen - diese Aufgabe war für mich jedoch nie mit Arbeit verbunden, denn es bereitete mir viel Freude, meine Zeit mit den Kindern zu verbringen.

Mir selbst ging es sehr gut, ich wurde von allen, den Kindern und den Angestellten sehr umsorgt, sodass ich den Eindruck hatte, dass sie mir mehr helfen als ich ihnen. Auch über meine schlechten Russisch Kenntnisse wurde hinweg gesehen und wir konnten meisten problemlos mit Händen und Füßen und mit Hilfe meines Wörterbuches kommunizieren.

Das Einzige, was mir nicht gefallen hat, war mein Abschied am 14. September, aber ich hoffe, ich kann diese Stelle irgendwann wieder besuchen.