Wir fördern Entwicklung

Ein kleinen Mädchen sitzt in einem Haufen mit Plastikbällen und spielt damit.

„Kraftfeld der Liebe“ in kirchlichen Kindertageseinrichtungen

Fachstelle für kirchliche Kindertageseinrichtungen v.l.: Ruth Fischer, Roswitha Nollet, Ulrike Stadlbauer, Veronika Domberger, Tina Hofbauer und Gudrun Pivec

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der Caritas ein „Kindergartenreferat“ gegründet, um die wiedereröffneten kirchlichen Kindergärten fachlich zu unterstützen. Heute sind es 330 Einrichtungen mit rund 17.000 Kindern in Oberösterreich, die von Pfarren, Caritas und anderen kirchlichen Trägern geführt werden. Tatkräftig begleitet werden sie dabei von der heutigen „Fachstelle für kirchliche Kindertageseinrichtungen“ in der Caritas mit umfassenden Leistungen: Angefangen von der Fachberatung zur Reflexion und Weiterentwicklung der pädagogischen Arbeit, über die Weiterbildung der MitarbeiterInnen bis hin zu Organisationsberatung und Verwaltungsaufgaben wie der Lohnverrechnung.

Fortbildungstagung für 1.300 PädagogInnen

Jährlich wird auch eine Fortbildungstagung für die MitarbeiterInnen organisiert, die dieses Mal im Zeichen des Jubiläums stand. Seinen Dank für die geleistete Arbeit sprach der neue Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer aus: „Ihr tragt dazu bei, dass Menschen zum Wachsen und zum Blühen kommen!“ Er ermutigte dazu, sich die Kindlichkeit zu erhalten, denn „ohne Dank, Staunen und Spiel wird unser Leben leer und beziehungslos“. Religiöse Erziehung im Sinne von Wertevermittlung sei für den Einzelnen wie für die Gesellschaft wichtig. Caritas-Direktor Franz Kehrer, MAS, hob hervor, dass die Kirche mit der Arbeit für Familien und Kinder nahe bei den Menschen sei. Dr.in Barbara Trixner aus der Direktion Bildung und Gesellschaft des Landes OÖ. betonte, dass „die kirchlichen Kindertageseinrichtungen eine wesentliche Rolle in Oberösterreich haben“. Thematisch stand bei der Fortbildungstagung im Mittelpunkt, was Kinder brauchen, um sich und ihre Talente natürlich entfalten zu können. Wichtige Impulse dazu gab die Verhaltensbiologin Dr.in. Gabriela Haug-Schnabel. Sie sieht die Rolle der Kindergarten-PädagogInnen als „Assistieren am Lebensweg“ für die Kinder.

Universitätsprofessor DDr. Paul M. Zulehner ist Pastoraltheologe und Werteforscher

Kinder zu liebenden Menschen machen

Univ. Prof. DDr. Paul M. Zulehner widmete sich den Besonderheiten von kirchlichen Kinderbetreuungseinrichtung und stellte klar: „Es ist unser Job, alle zur Verfügung stehenden Fähigkeiten einzusetzen, dass aus den uns anvertrauten Kinder liebende Menschen werden.“ Dabei habe man mit einer grundlegenden Herausforderung zu kämpfen: Der Angst, mit der man geboren wird, weil man den Mutterschoß verlässt. „Es ist ein großes Kunstwerk, so viel Bindung aufzubauen, dass die Angst geheilt und das Vertrauen im Kind wachsen kann.“

Nur durch Vertrauen könne ein Kind auch glauben und ein liebender Mensch werden. „Gegenkräfte“ wie Gewalt, Gier und Lüge seien „Selbstverteidigungs-Strategien“, die daraus resultierten, dass die Angst durch fehlende Bindung, die in den ersten drei Lebensjahren erfolge, nicht in Vertrauen münden könne. Deshalb sei es die große Herausforderung der PädagogInnen, dass Vertrauen in Kindern wachse und die Angst kleiner werde. Das gelinge allerdings nicht durch moralischen Appell, sondern durch ein „Kraftfeld der Liebe“, das jeder Einzelne und jede Einzelne in der Kinderbetreuungseinrichtung erschaffen kann.

Musiker, Gitarrenbaumeister und Autor André Stern, Protagonist im Film "Alphabet", hat niemals die Schulbank gedrückt

In jedem Kind lauert ein Genie

Kein pädagogisches Konzept, aber die Welt aus der Sicht des Kindes präsentierte André Stern. Das Multi-Talent aus Paris, das nie zur Schule gegangen ist, betont, dass alle Kinder mit den gleichen Veranlagungen auf die Welt kommen. Es sei jedoch wie bei einem Mangokern: Wie die Veranlagungen wachsen, hänge von der Umgebung ab. Eine Veranlagung sei das Spielen. „Wenn Kinder in Ruhe gelassen werden, fangen sie zu spielen an“, erklärte Stern. Würden Erwachsene nicht sagen: „Hör auf zu spielen, sondern lerne!“, würden die Kinder keinen Unterschied bemerken.

Lernen sei eine „Nebenwirkung“ des Spiels. Eine weitere Veranlagung des Kindes ist das Gehirn. Auf Hirnforscher Gerald Hüther Bezug nehmend erklärte er, dass das Hirn kein Muskel ist, den man trainieren kann, sondern dass das Gehirn sich entwickelt, wenn etwas mit positiven Emotionen - mit Begeisterung - geschieht. Bei Hirnstrommessungen wurde erhoben, dass Kinder alle drei Minuten Begeisterung empfinden können. Erwachsene hingegen nur mehr zwei bis drei Mal im Jahr. „Immer wenn wir uns begeistern, sind wir also genial, weil wir etwas lernen“, fasst Stern zusammen. Das Geheimnis der Kinder sei, dass sie keine Hierarchien bzw. Positionierungen kennen: Ein Fensterputzer hat für sie den gleichen Stellenwert wie ein Astronaut. Deshalb sei es im Umgang mit Kindern wichtig, sich von Positionierungen zu befreien und Kinder auch sprachlich nicht auszugrenzen. „Ein Kind ist ein Mensch und will auch zu den Menschen dazugehören und nicht als Kind ausgegrenzt werden“, betonte Stern.