„Unsere Arbeit im Ausnahmezustand, oder wie Corona uns veränderte“

    01.06.20

    Das Team Leos bietet einen ganz besonderen Einblick über die Veränderungen des Arbeitsalltags in der pädagogischen Begleitung Jugendlicher mit kognitiven und sozialen Beeinträchtigungen. Während der Corona-Krise sind die BegleiterInnen intensiv zusammen gewachsen. Vor allem haben sie sich mit den jugendlichen KundInnen zu einem ganz speziellen Team entwickelt.

    „Normalerweise haben wir 16 Jugendliche (davon 7 in der vollbetreuten Wohngruppe in St. Isidor und 9 Jugendliche in jeweils 3 teilbetreuten Wohngruppen, die immer zu dritt in einer Mietwohnung im Raum Leonding aufgeteilt leben).

    Es begann Anfang März, als die Medien die Maßnahmen der Regierung verbreiteten und der „Lockdown“ eingeführt wurde. Der Alltag veränderte sich rasant, die Unsicherheit wurde immer größer und aufrechte Systeme wurden plötzlich heruntergefahren.

    Was plötzlich jeden Einzelnen betraf und betroffen machte, erschütterte unsere zu betreuenden Jugendlichen noch viel härter.

    „Was heißt das jetzt? Warum darf ich nicht mehr arbeiten gehen? Für wie lange kann ich nicht mehr heimfahren? Werden wir alle krank?“ Mit diesen und ähnlichen Fragen sahen wir uns konfrontiert.

    Die Konstellation unseres Teams veränderte sich: ein Kollege galt als Hochrisikoperson und wurde freigestellt, eine weitere wurde abgezogen und musste auf einer Kinderwohngruppe einspringen. Die Jugendlichen der vollbetreuten Maßnahme mussten alle nach Hause fahren und somit gab es auch keinen Nachtdienst, der im Notfall für die teilbetreuten Wohngruppen verfügbar war.

    Schlussendlich blieben drei Betreuer von unserem ursprünglich fünfköpfigen Team übrig und da wir natürlich auch keinen geregelten Dienstplan mehr hatten, war nun unsere Spontanität und Flexibilität gefragt.

    Unser Diensthandy wurde zum Krisenhandy umfunktioniert und wir wechselten uns mit dem Bereitschaftsdienst ab, um für unsere Jugendlichen immer erreichbar zu sein. Unsere Kollegin installierte eine Signal-Gruppe, in der die Klientinnen und Klienten alle vertreten waren und wir somit untereinander noch besser vernetzt sein konnten.

    Anfang April bekamen wir noch einen Zivildiener zur Seite gestellt, der seinen Zivildienst um 2 Monate verlängern musste und der uns tatkräftig zur Seite stand, den wir aber trotz allem auch noch einschulen und mit allem vertraut machen mussten.

    Nun begann für uns alle eine herausfordernde Zeit. Wir mussten eine Struktur für den Alltag schaffen, mussten Möglichkeiten für sinnvolle Betätigungen geben und mussten rund um die Uhr ein offenes Ohr und motivierende Ratschläge für die Unsicherheiten und Ängste parat haben.

    Die inzwischen leerstehende Wohngruppe in St. Isidor machten wir zu unserer ‚Home-Base‘, in der wir uns jeden Sonntag zu einer fixen Uhrzeit trafen und gemeinsam einen strukturierten Schlachtplan für Aktivitäten und Betätigungen der darauffolgenden Woche machten.

    Obwohl unsere Jugendlichen zwar in teilbetreuten Wohngruppen leben, hieß das aber noch lange nicht, dass sie deswegen weniger Betreuung bräuchten-ganz im Gegenteil!

    Plötzlich keine Struktur im Alltag zu haben und keine Vorgaben von Außenstehenden zu bekommen, wie sie es bisher gewohnt waren, ließ sie vor einer großen Herausforderung stehen.

    Zeiten, in denen die Jugendlichen trotz allem ihren Pflichten (wie kochen, putzen, Wäsche waschen, Schulaufgaben, usw.) nachkommen mussten, lösten Aktivitäten wie gemeinsames Backen, Feder-und Fußballspielen, Kreatives Gestalten, Gesellschaftsspiele spielen, Wohnungen ausmisten und Großputz abhalten, Eier färben, Haare färben und schneiden, Techniken zum Aggressionsabbau erlernen, „Nesterl“ suchen, brunchen, wandern usw., ab.

    Auch wir Betreuer mussten plötzlich viele Funktionen übernehmen und konnten unsere Stärken und Fähigkeiten einbringen.

    Wir waren Motivationstrainer, Coaches, Lehrer, Ratgeber, Freizeitgestalter, Coronavirus-Experten, Streitschlichter, sozialer Zusammenhalt-Verstärker, Großeinkäufer, Köche, Sporttrainer, Mund-Nasen-Schutz-Näher, Aggressions-Coaches, Wanderführer, „Wohnungs-Renovierer“, spielten Osterhasen und natürlich ‚Eltern-Vertreter‘. In einer zweiwöchigen Aktion haben wir gemeinsam die Wohngruppe in St. Isidor renoviert und neu gestaltet. Unser Zivildiener ist sage und schreibe genau achtmal mit vollbeladenen Fuhren ins ASZ gefahren, um nicht notwendige und über die Jahre angesammelte Dinge und Möbel zu entsorgen. Und wirklich ALLE waren motiviert dabei und jeder konnte seine/ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen.

    Unsere Jugendlichen sind in dieser intensiven Zeit wirklich unglaublich gereift. Wir waren jedes Mal erstaunt, welche Fertigkeiten in ihnen schlummern, die im ‚normalen Alltag‘ so nie ersichtlich gewesen wären.

    Manche KlientInnen begannen Texte und Geschichten zu schreiben, entwickelten sich zu begabten JungautorInnen. Manche entdeckten ihre Liebe und Gabe zum Torten backen. Sie gestalteten, auch mal ohne uns, gemeinsame Brunch-Vormittage, unterstützten sich gegenseitig bei Schwierigkeiten und motivierten sich, durchzuhalten!

    Sie entwickelten eine Selbstsicherheit und-fürsorge, die sie wohl ohne der ‚Krisenzeit‘ nicht so schnell entwickelt hätten.

    Und auch wir Betreuer konnten eine unglaubliche Erfahrung machen. Nicht nur, dass wir mit unseren individuellen Kompetenzen und Ausbildungen unglaublich viel bewirken konnten, so konnten wir das Wesentliche unserer Arbeit erkennen:

    „Gemeinsam sind wir stark und wir können alles schaffen, wenn wir auf uns alle gut achten!“

    Unsere jungen Klientinnen und Klienten werden sich nur so gut entwickeln, wie wir als Team zusammenstehen und uns auch immer wieder hinterfragen!

    Dann können wir als LEOS jede Krisensituation meistern!“