Erika H. erzählt von ihrer Geschichte als pflegende Angehörige:

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich habe den Zeitungsbericht/Aufforderung das Engagement von pflegenden Angehörige vor den Vorhang zu holen, gelesen - und möchte einfach auch ein paar Zeilen einschicken.

Mein Vater, Leopold, geb. 1935 ist seit einem Traktorunfall  (Traktor kam beim nassen Wetter bei unserem Grund auf einem steilen Gelände ins Rutschen und überschlug sich) querschnittgelähmt. Ich war damals 2 Jahre alt. Für uns,  meine älteren drei Geschwister und Mutti,  brach eine Welt zusammen. Wir hatten eine kleine Nebenerwerbslandwirtschaft mit 10 Kühen und Papa (damals 39) war in der Molkerei in Baumgartenberg tätig. 

Schicksalsschlägen kannst du im Leben nicht aus dem Weg gehen. Wichtig ist, wie du damit umgehst. 

Mutti musste, um den Alltag meistern zu können, und nicht immer auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, den Führerschein machen, mit 32 Jahren. Papa lag im Koma, war lange Zeit im Spital, überlebte viele Operationen und die erste Aussage war, dass er nur im Rollstuhl wieder heim kommen wird. Von gestern auf heute: Plötzlich ändert sich alles. 

Doch - wir  -, sagen wir immer ;-) - sind Kämpfer und lassen uns nicht unterkriegen. Papa war lange Zeit in der AUVA Rehabilitationsklinik in  der Steiermark (Klinik spezialisiert auf Rückenmarksverletzungen). Weit weg von seiner Familie und Verwandtschaft.  Er kämpfte jeden Tag, cm für cm für mehr Bewegungsmöglichkeit, Schritt für Schritt ins Leben zurück. Er wollte raus aus dem Rollstuhl. Mühevoll, langsam und mit ganz viel Kraft, Ausdauer, Willensstärke,  Glaube und Liebe schaffte er es!

Er kam mit Krücken nach Hause. Dann galt es den Alltag zu meistern. Papa bekam eine Invalidenpension und Pflegegeld und war seitdem zu Hause -  für uns Kinder natürlich wunderbar, wenn beide Eltern immer zu Hause sind.

Viele Gedanken...zum Beispiel: "Was wird Papa nie wieder tun können...?" 

Papa kämpfte jeden Tag weiter und ein neuer Gedanke setzte sich fest "Was wird er ganz sicher machen!"  

Er sagte zu mir einmal während der Schulzeit (er hat uns immer wieder ermutigt zu lernen, seinen eigenen Weg zu gehen, sich etwas Eigenes zu schaffen):

 "Lernen ist wie Rudern gegen den Strom, Hört man damit auf, treibt man zurück"

Papa lernt auch jeden Tag, er hört nie auf zu lernen/zu kämpfen und sieht immer das Positive in jeder Situation und hofft immer, dass es irgendwie besser wird.

Papa ist jetzt 85 Jahre alt, Mutti ist 78 Jahre, immer an seiner Seite - sie geben sich gegenseitig Halt. "Ich verspreche Dir die Treue in guten und in schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit bis der Tod uns scheidet" war bei der Eheschließung keine leere Floskel, sondern wird Tag für Tag  gelebt.

Das Leben geht weiter mit vielen Hoch`s und Tief`s. Wir Kinder zogen aus, heirateten, bekamen Kinder, die Landwirtschaft wurde stillgelegt, alles wurde verpachtet. 

Der Tod meiner älteren Schwester Anna war ein schwerer Schicksalsschlag - Eltern, die ihr Kind begraben müssen, sind verzweifelt und fragen nach dem Warum? Gibt es einen Seelen/Lebensplan, was muss ein einzelnen Mensch an Schicksalsschläge aushalten?  

Papa stürzte vor vielen Jahren und erlitt einen Schulterbruch, welcher schlecht verheilte  und landete nach vielen kräftezerrenden Jahren im Rollstuhl. Mittlerweile ist er ein Pflegefall. Ein wacher Geist gefangen in einem Körper, welcher nicht mehr funktioniert. Hände und Füße erfüllen keine Aufgaben mehr, er braucht immer öfters jetzt Sauerstoff (häufige Lungenentzündungen, Harninfektionen, Aussetzer.....) 

Und doch hat er immer ein positives Wort auf der Lippe und ein kleines Lächeln im Gesicht - er lässt sich nicht unterkriegen.

Und Mutti, deren Lebensaufgabe Papa zu pflegen geworden ist - auch nicht. Sie blicken einfach nach vorne und machen aus jedem Tag das Beste. Eine 24 Stunden Pflegerin unterstützt sie zum Glück, damit ein bisschen Erleichterung und Freiraum bleibt. Man schätzt die kleinen Dinge, jedes Gespräch, jedes Telefonat oder jeden Besuch.

Wie wertvoll und wichtig die Besuche sind und sie einem fehlen, lernte ich, als meine Familie 24 Tage in Quarantäne war, da mein jüngster Sohn Corona positiv getestet wurde, ich und Mutti konnten nur jeden Tag telefonieren.  

Wie wichtig der Austausch untereinander ist, wurde mir auch klar, als ich ein Treffen für und mit Mutti letztes Jahr organisierte (nach 20 Jahren - gemeinsames Treffen von pflegenden Angehörigen).

Es stimmt der Spruch - "geteiltes Leid ist halbes Leid" - es gibt viele Schicksalsschläge, jeder trägt ein Pinkerln - das wurde mir bei dem besonderen Treffen durch die Vorstellungsrunde (Lebensgeschichte von jedem Einzelnen) wieder deutlich klar.

In meinen Augen sind Mutti und Papa ein ganz außergewöhnliches Paar, ich darf und durfte in vieler Hinsicht von ihnen lernen.

Sie sind mein großes Vorbild. Sie zeigen mir, wie man jede Hürde im Leben gemeinsam meistern kann. 

Gemeinsam haben sie so vieles durchgemacht und überstanden, ohne verbittert oder jeweils mit dem Schicksal zu hadern. 

Immer einen positiven Blick nach vorne.  

Denke nicht so oft an das, was du nicht hast, sondern an das, was du hast. "

Mutti und Papa von Erika H.