Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Vom Beruf zur Berufung

Über 20 Jahre arbeitete Sandra Wahl im Verkauf. Als der Leidensdruck zu hoch wurde, folgte sie ihrer eigentlichen Leidenschaft: der Pflege älterer Menschen.

Manchmal braucht es nur eine Kleinigkeit, um den Boden unter den Füßen zu verlieren. Als Sandra Wahl eines Morgens in die Wohnung der 83-jährigen Maria Eder kam, fehlte genau diese Kleinigkeit: der Stoppel vom Gehstock. Weg war das Gefühl von Sicherheit beim Gehen auf den Fliesen. Eigentlich war Sandra Wahl dort, um der Seniorin bei der Körperpflege zu helfen und ihr das Frühstück herzurichten. Als Mitarbeiterin der Mobilen Pflegedienste der Caritas kommt sie regelmäßig zu den älteren Leuten nach Hause und unterstützt sie bei Tätigkeiten, die für sie alleine nicht mehr zu schaffen sind.

In diesem Fall hieß es jedoch, kreativ zu werden. Die Tochter von Frau Eder war nicht erreichbar. Ein Behelf musste aber her, damit die Dame nicht am Fliesenboden ausrutscht. Mittels Tupfer und Pflaster improvisierte die Luftenbergerin eine Anti-Rutsch-Sicherung. „Frau Eder war heilfroh, dass sie nicht mehr rutschte und wieder gefahrlos gehen konnte“, erinnert sie sich.

Blutdruck messen, Körperhygiene und Seelenpflege

„Kein Tag des Vereinsamens“ ist die Devise, wenn Sandra Wahl zu älteren Menschen in der Region St. Georgen/Gusen kommt. Den 86-jährigen Meinhard Truppe unterstützt sie zweimal wöchentlich bei der Körperpflege, misst seinen Blutdruck und cremt ihm die Füße ein. Der Luftenberger bemüht sich zwar, sich in der Früh herzurichten und ein frisches Gefühl zu bekommen, aber alles ist einfach nicht mehr möglich. Mit 47 Jahren hatte er den ersten Herzinfarkt, undiagnostiziert. Zu seinem Glück bildete sich ein natürlicher Bypass, doch von damals sind Schwächen geblieben. Heute – mehrere Kollapse und Herzinfarkte später – hat er einen Herzschrittmacher und Altersdiabetes. Als er vor zwei Jahren einen Darmverschluss hatte, entschlossen er und seine Frau sich, die Hilfe der Mobilen Pflegedienste in Anspruch zu nehmen. 

Bei anderen SeniorInnen kontrolliert Sandra Wahl die Einnahme von Medikamenten, spritzt ihnen Insulin oder vereinbart Arzttermine. Dabei schaut sie immer, was die Person noch selbst machen kann – oder auch selbst machen will. Die Fürsorge tut auch der Seele gut – und ist an manchen Tagen sogar der Hauptaspekt. Es kommt hie und da schon vor, dass sie sich an die Arbeit machen will, und eine Seniorin sagt: „Waschen mag ich heute nicht. Setz dich her und reden wir stattdessen.“ Dann setzt sie sich zu ihr und schaut, was der Seniorin am Herzen liegt. Für kleine Dinge, die sie tut, kommt von den SeniorInnen viel Dankbarkeit zurück.

Vom Verkauf in die Pflege

Sandra Wahl ist eine Spätberufene im Pflegebereich. Zuvor war die heute 42-Jährige ihr Leben lang im Verkauf tätig. Seit sie 16 war, hat sie Singer-Nähmaschinen und Blumen verkauft. Zuletzt hat sie sieben Jahre lang im Supermarkt gearbeitet – unter schwierigen Arbeitsbedingungen. Auf persönliche Bedürfnisse wurde von ihrer damaligen Chefin keine Rücksicht genommen. Manchmal musste sie für eine Stunde Dienst um fünf Uhr morgens ins Geschäft, nur um nachmittags wieder auf der Matte zu stehen. „Ich war ständig unter Druck“, erinnert sie sich. „Als ich mich im Sommer verletzte und in Krankenstand gehen musste, habe ich gezittert vor Angst, meiner Chefin diese Nachricht zu überbringen.“ Stundenlang lief nach Dienstschluss noch das Rad und Sandra Wahl ließ den Tag revue passieren. Habe ich auch nichts vergessen? Habe ich etwas falsch gemacht, für das ich morgen, wenn ich in die Arbeit komme, eine „auf den Deckel“ bekomme?

2013 zog sie schließlich die Reißleine und kündigte. Am selben Tag zeigte ihr Mann ihr ein Inserat für die Ausbildung zur Fachsozialbetreuerin/Altenarbeit. Die Arbeit mit älteren Menschen hatte Sandra Wahl schon lange interessiert. Tante und Onkel arbeiteten im Seniorenwohnhaus. „Mich haben immer die Geschichten fasziniert, wenn sie von den Bewohnern erzählt haben – vor allem von der Seelenpflege.“

Eine einfache Entscheidung war es trotzdem nicht. Die Ausbildung mit 40 Stunden pro Woche, gekoppelt mit dem genauso intensiven Praktikum im Seniorenwohnhaus, zuhause ein 13-jähriger und ein 9-jähriger Sohn. Doch ihr Mann und ihre Schwiegermutter sagten Sandra Wahl die volle Unterstützung zu – und sie wagte den Sprung.

„Es folgten zwei Jahre Dauereinsatz“, erinnert sich Wahl. „Das war anstrengend, aber es hat sich gelohnt. Ich habe dabei wahnsinnig viel gelernt. Man hat mir im Praktikum von Anfang an viel zugetraut.“ 

Viele Wege möglich

Mit ihrer Ausbildung standen ihr viele Türen offen. Sie hätte im Seniorenwohnhaus arbeiten können, im mobilen Bereich, in Hausgemeinschaften oder in der Tagesbetreuung. Im Praktikum merkte sie, wo ihre wahre Liebe lag: bei den Mobilen Pflegediensten. Hier sind Selbständigkeit und Einfallsreichtum gefragt. Von Alltagstrott keine Rede. Schon wenn sie eine Wohnung betritt, muss sie die Fühler ausstrecken, um die Tagesstimmung der SeniorInnen zu erspüren. „Du weißt nicht, was dich erwartet. Ein Mensch kann schlecht gelaunt sein, vielleicht wegen dem Wetter oder aus anderen Gründen“, sagt Wahl. „Da muss ich intuitiv wissen, wie ich ihm entgegentreten kann, ob ich an diesem Tag mit ihm spaßen kann oder ich es anders angehen muss.“

Alle acht bis neun Wochen hat sie für eine Woche Abenddienst sowie einen Wochenenddienst. Jeden Tag kommt sie zu Mittag nach Hause. „Gewisse Lasten sind durch den Berufswechsel von mir einfach abgefallen. Ich war ganz erstaunt, als ich ins Team der mobilen Dienste in St. Georgen kam. So ein gutes Klima und so eine Zusammenarbeit war ich von früher gar nicht gewohnt.“ Heute fährt sie zu den SeniorInnen und führt Gespräche, bei denen sie zuhört und gehört wird – ein echter Austausch. „Früher bin ich von der Arbeit heimgekommen und der Putzfimmel ist bei mir ausgebrochen. Ich musste alles putzen, um herunter zu kommen. Das macht dich kaputt, wenn du ständig unter Strom stehst und Stress suchst, um Stress abzubauen. Jetzt kann ich heimkommen, eine halbe Stunde auf der Couch liegen, Zeitung lesen – und wenn die Wohnung einen Tag unordentlich ist, halte ich das aus.“