Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

"Ich habe meinen Traumberuf gefunden"

In den Caritas-Schulen für Sozialbetreuungsberufe wird neben der Vermittlung von theoretischem Wissen großer Wert auf den Erwerb praktischer Fähigkeiten gelegt. So gibt es neben praktischen Lehrfächern, die an der Schule gelehrt werden, auch mehrere Praktika, die die Studierenden etwa in Einrichtungen der Gesundheits- und Krankenpflege, in Betreuungseinrichtungen für ältere oder beeinträchtigte Menschen oder in Familien absolvieren.

Die 19-jährige Nicole Geißler befindet sich im letzten Ausbildungsjahr zur Diplom-Sozialbetreuerin in der Fachrichtung Familienarbeit. Die Ulrichsbergerin absolvierte ihr Praktikum „Betreuungsarbeit in psychosozialen Einrichtungen“ in einem Wohnhaus in Rohrbach der Pro Mente in OÖ für psychisch Erkrankte.

Nicole Geißler – warum haben Sie sich für den Sozialberuf entschieden?

Ich wollte schon von klein auf immer Krankenschwester werden. Je älter ich wurde, desto mehr wurde mir bewusst, dass ich Menschen nicht nur in kranken Phasen des Lebens betreuen möchte, sondern auch in Gesunden. In meiner Kindheit war ich schon viel unter alten Menschen und konnte so meine Einfühlsamkeit, die man für diesen Beruf benötigt, aufbauen. Nach meinem Freiwilligen Sozialen Jahr in einem Altenheim wusste ich, dass dieser Beruf meine Zukunft werden sollte. Durch eine Weiterbildung im Altenheim erfuhr ich von dem Ausbildungszweig „Diplomsozialbetreuung Familienarbeit“ und wurde neugierig. Beim Tag der offenen Tür nutzte ich die Chance, mir die Schule anzusehen und Schülern Fragen zu stellen. Jetzt bin ich froh, dass ich mich für diese Schule entschieden habe. Sie ist klein, übersichtlich und sehr familiär. Mit Problemen, ob privat oder schulisch, wird man nie alleine gelassen. Man wird in den 6 Semestern gut vorbereitet auf das spätere Berufsleben, und durch die vielen verschiedenen Praktika hat man die Möglichkeit alle Sparten der Sozialberufe zu sehen.

Sie haben eines Ihrer Praktika in einem Wohnhaus für psychisch Erkrankte absolviert. Wie sah das aus? Was waren Ihre Aufgaben? 

Im Rahmen meiner Ausbildung absolvierte ich im letzten Ausbildungsjahr ein acht wöchiges Praktikum in einem Wohnhaus der Pro Mente OÖ. In diesem Wohnhaus leben 16 Männer und Frauen zwischen etwa 40 und 90 Jahren auf zwei Wohngruppen, die 24 Stunden am Tag betreut werden. Sie haben verschiedene Krankheitsbilder. 

Meine Aufgaben waren sehr vielfältig und reichten vom Zubereiten des Frühstücks und Abendessens, dem gemeinsamen Kochen und Essen über die Unterstützung bei der Körperpflege bis hin zur Unterstützung bei der Alltagsbewältigung. Dazu gehörten auch das Einkaufengehen mit den BewohnerInnen, sie zu Terminen zu begleiten, Spiele zu spielen oder spazieren zu gehen. Das Wichtigste aber war das Reden und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie verstanden werden und dass jemand für sie da ist.

Was nehmen Sie sich aus diesem Praktikum mit?

Ich habe mich von Anfang an wohl gefühlt, da ich sowohl vom Team als auch von den BewohnerInnen gut angenommen wurde. Das Team war sehr lieb, offen und hilfsbereit. Die BewohnerInnen waren alle total nett und liebenswert. Es war wie in einer großen Familie, jeder hilft jedem. Schnell schloss ich alle ins Herz. Mir wurde immer mehr bewusst, dass ich meinen Traumberuf gefunden habe. 

Dennoch gibt es Herausforderungen: man muss sich bei den BewohnerInnen durchsetzen können, fair sein und man darf niemanden bevorzugen. Man benötigt viel Gespür, wie man mit wem umgeht. Aus dem Praktikum konnte ich mir vieles mitnehmen. Ich lernte einige Krankheitsbilder wie Schizophrenie und Depression kennen. Den Umgang und das Verständnis mit psychisch Kranken nehme ich mir mit. 

Zudem ist es mir wichtig, das Tabuthema „psychisch krank“ zu brechen. Es gibt viele Vorurteile gegenüber psychisch Kranken. Jeder Mensch sollte sich jedoch im Klaren darüber sein, dass es auch ihn betreffen kann. Psychische Krisen, wie depressive Phasen, kennt jeder. Werden diese nicht bewältigt, können sie sich chronifizieren. Aber auch Menschen, die nicht betroffen sind, sollten sich informieren, um zu wissen, wie es Betroffenen geht. Mehr Verständnis aufzubringen, darüber zu sprechen und niemanden zu verurteilen, ist wichtig. So können psychisch erkrankte Menschen in die Gesellschaft integriert werden und soziale Isolation, als auch die Suizidrate, können vermindert werden. Jeder Mensch ist gleich.