Zehn Menschen - verschiedenen Alters, Herkunft und Geschlecht stehen nebeneinander und geben sich die Hand.

Das Eigene und das Fremde

Wie sagt man so leicht dahin: Ein neuer Tag – ein neues Glück! Vielleicht kann man diesen Satz auch auf das neue Schul- und Arbeitsjahr übertragen – doch von alleine stellt sich das Glück ganz selten ein. Man muss dem Glück schon ein wenig auf die Sprünge helfen – einmal überhaupt dafür offen sein, zum anderen aber sich um sein Glück durch Aufgaben und Inhalte auch bemühen.  

Ein neues Arbeitsjahr lässt manche aber auch erschrecken, führt man sich vor Augen, was es alles zu tun gibt und zusätzlich fragen, was wohl noch alles auf einen zukommt. Um in dieser Flut weder unterzugehen noch sich auf das Boot zu setzen mit dem Motto „weiter so“, empfiehlt es sich, sich selbst ein Ziel zu setzen und seinem Jahr einen Schwerpunkt und damit so etwas wie einen „roten Faden“ zu geben.

Eine solche Thematisierung hat den Vorteil, die Dinge, die man tut, zu vertiefen, aber auch alles, was einen bedrängt, ein Stück weit von sich zu weisen, wenn diese nicht dem gesetzten Ziel förderlich sind.

Auch einer Schule, wie wir sie sind, tut gut, wenn sie das neue Schuljahr in ähnlicher Weise mit einem Ziel versieht und dem neuen Arbeitsjahr einen „roten Faden“ verleiht.

Die derzeitige gesellschaftliche Wirklichkeit legt uns ein solches quasi vor die Füße – nämlich „das Eigene und das Fremde“ in den Blick zu nehmen. Doch nicht nur der politischen Lage tragen wir damit Rechnung, sondern auch dem ureigenen Auftrag unserer Schule als „Ausbildungsort für Sozialbetreuungsberufe“.

Konkret werden wir unserem „Klientel“ nur dann gerecht, wenn wir wertschätzend mit dem Fremden umgehen. „Wertschätzung ist die Währung jeder Begegnung!“ (Georg Fraberger)  Dies allerdings setzt voraus, immer auch das Eigene nicht nur im Blick zu haben, sondern dieses auch zu entwickeln, zu fördern und zu kultivieren.

Zum Eigenen:

„Eigen“ als Wort gibt es in allen germanischen Sprachen und ist schon ein sehr altes Wort. Seine Grundbedeutung ist über Jahrhunderte gleich geblieben. Es meint „haben und besitzen“. Letztlich aber meint es „in Besitz genommen“ zu haben. Das Eigene wird einem nicht einfach nur in die Wiege gelegt, das auch, sondern es wird erst zum Eigenen, wenn man es aufgreift, damit umgeht, sich aneignet, um allmählich zu begreifen und zu fühlen (zu spüren), das mir Zugedachte oder das, was ich mir „aneigne“, gehört zu mir, es macht mich als Person aus.

Zu meinem „Eigenen“ gehören als Fundament mein Körper (eigentlich mein Leib), mein Denken, meine Sprache, mein Geschlecht, mein Glaube, meine Tradition, meine Lieder, meine Farben, meine Bewegung, meine Gesten und meine Mimik, aber auch meine Narben, meine Schmerzen und meine Trauer, aber auch mein Bedürfen, meine Freuden, meine Hoffnung und Zuversicht, meine „Seele“. (Georg Fraberger) Letztlich bildet meine Lebensgeschichte meine Identität. Diese ist nie abgeschlossen, sie wird sich entwickeln, sie kann verletzt oder auch stabilisiert werden – sie ist mein Fundament.

Um ihre Stabilität zu erhöhen, erweitern wir ihr Umfeld – und so gehören eben auch unsere Kleidung, unser Duft, unser Aussehen, unsere Räume und unser Lebensumfeld mit hinzu. Sie sind so etwas wie „Anker für unsere Identität“ (D. Fischer)  und stützen uns in unserem Eigensein.

Schlimm ist es, wenn Menschen auf die Flucht gehen; sie müssen all diese Anker zurücklassen – und wie wichtig es ist, dass man sich nicht von diesem quasi als Halt 2. Güte abhängig macht, sondern auf sein Inneres schaut, wenn wir an den Tod denken. „Das letzte Hemd hat keine Taschen“ sagen wir, und unterstreichen damit, die Notwendigkeit, sich um „seine Seele zu kümmern“. (Georg Fraberger) Wir sollten uns weniger um die Zutaten bemühen, sondern mehr um die „Tat“, um unser inneres Tun.

Da wird das Eigene selten selbst erfinden, leben wir umso mehr von der Zugehörigkeit. Kleine Kinder fragen wir schon: Zu wem gehörst Du? Zur Familie Meier oder auch zu meiner Mama – oder wem gehört diese Puppe? Natürlich zu dir, das ist Dein Eigen(tum).

Sprachlich begegnet uns das Wort „eigen“ in vielerlei Begriffen wie das Eigentum, die Eigenheit, das Eigenheim, das Eigenlob, die Eigenschaft, der Eigenbrötler, der Eigenname – oder auch eigenmächtig.

Ebenso reich ist die Reihe der Verben wie sich aneignen, jemanden etwas zueignen, jemanden enteignen oder eine Sache dem anderen übereigen, aber auch sich für etwas eignen.

Ich bin sicher, dass jeder Fachgegenstand, jede Fachdisziplin an unserer Schule etwas zum Eigensein seiner Klienten ganz spezifisch beitragen kann, damit das „Herz fest“ wird (NT) bzw. man sich in seiner Identität festigt. Das ist dort besonders notwendig, wo Menschen unter erschwerten Lebensbedingungen leben, deren Leben von Verzicht und Abschied gekennzeichnet ist oder wo der Aneignung des Eigenen sich Hindernisse oder Erschwerungen in den Weg stellen wie prekäre Familienverhältnisse, Krankheit oder Beeinträchtigung.

Doch nicht nur unser professionelles Gegenüber, unsere Klienten sind hierbei zu bedenken und immer wieder zu unterstützen, ihr Eigenes zu suchen und dieses auch zu leben, sondern die gleiche Fürsorge gilt uns als deren Begleiter, Betreuer und Helfer. Wer selbst wenig vom Eigenen hält, dieses nicht schätzt oder auch gar vernachlässigt, kann anderen weder zu dessen Eigenen verhelfen noch diesen bei der Aneignung eines Eigenen behilflich sein.

Und was gar nicht passieren darf, das Eigene des anderen als Angriff auf die eigene Person misszuverstehen oder als Erschwerung der eigenen Arbeit sehen.

Es ist richtig, das Eigene bewirkt erst einmal eine Distanz zwischen mir und dem anderen; aufgehoben wird diese Erschwernis allein durch die oft glückhaft erlebte Erfahrung, dass sich erst durch das Vorhandensein von zwei unterschiedlich Eigenem ein Austausch und damit Kommunikation ereignen kann.

Zufriedenes, auch souveränes Leben ohne Eigenes ist kaum vorstellbar. So kann auch niemand verbieten, auf das jeweils Eigene in gewisser Weise stolz, gepaart mit Dankbarkeit, zu sein, es zu hüten wie seinen Augapfel, mit dieser Kostbarkeit behutsam umzugehen, ohne sich in dieses als ein verlockendes Gefängnis einzusperren oder andere gar den Zutritt zu verwehren. Wegnehmen kann einem dieses sowieso niemand, aber einfach übernehmen auch nicht. Der einzige Weg führt über eine Brücke – daher gehört Brücken zu bauen zu den vornehmlichen Aufgaben auch aller Betreuer, Begleiter und Helfer – Wertschätzung des jeweils anderen selbstverständlich als unabdingbar vorausgesetzt.

Das Fremde

Ursprünglich bedeutet „fremd“ unbekannt, unvertraut, entfernt. Der Fremde war dann eine Person, der aus einem anderen Land kam. Anfangs wurde Fremdling auch mit „Gast“ gleichgesetzt – und Herbergen für Fremde als „Gast-Häuser“ verstanden.

Das Fremde, das jedoch den gleichen Entstehungsbedingungen wie das Eigene unterliegt, unterscheidet sich jedoch auf Grund anderer Inhalte – anderer Glaube, andere Ernährung, andere Kleidung, andere Werte, andere Sprache, andere Farben, andere Musik, andere Mentalität, anderes Wohnen usw. – und dennoch besteht viel Ähnliches – nämlich ebenfalls Mensch zu sein, ebenso Freude und Leid, Verlust und Gewinn zu verspüren, ebenso Mann oder Frau, jung oder alt zu sein.

Doch dies alles schwächt die Verben, die uns geläufig sind, keineswegs ab – wie entfremden, befremden oder verfremden oder Adjektive wie befremdlich, entfremdet oder verfremdet. Das Fremde chargiert und ist deshalb nur bedingt zu fassen. Es wirkt dank seines Reizes anziehend und stößt gleichzeitig ab, wenn man es in seiner Komplexität nicht versteht und sich dadurch bedroht fühlt.

So wie das Eigene stark macht, kann das Fremde schwächen. Es kommen Fragen der Macht ins Spiel. Der andere nimmt einem nicht nur etwas, sondern etwas vom Eigenen weg und fügt sich dieses dann sich zu. Ein Ungleichgewicht zwischen dem Eigenen und dem Fremden entsteht. Verschärft wird dieses Moment, wenn sich das Fremde der Dinge bemächtigt, die für uns identitätsbildend sind – so die Wohnung, die Musik, die Kleidung oder der Lebensraum.

Doch man vergisst, dass solche Übernahmen nur bedingt glücken, das Fremde des Anderen bleibt dennoch bestehen – diese Erfahrung müssen auch jene machen, die wir als „fremd“ erleben. Alles, was wir uns zusätzlich aneignen, muss durch unser Eigenes quasi hindurch und wird nur dann zu unserem Eigenen, wenn wir Anpassungsprozesse vollziehen. So gibt es nie Demenz oder Down-Syndrom letztlich per se, sondern immer nur Demenz der Frau Müller, die nicht die Demenz von Herrn Meier ist, oder das Down-Syndrom vom Josef; Anna, die ebenfalls  zu diesem Personenkreis, wird sich von ihm trotz mancher Ähnlichkeit von Josef unterscheiden.

Die Hoffnung, bei größerer Ähnlichkeit wäre das gegenseitige Verstehen einfacher, täuscht sich, auch wenn die Hoffnung nach möglichst großer Ähnlichkeit groß ist und sehr oft unser Sehnen erfüllt. Nicht ähnlich oder gar gleich zu sein, stiftet Lebensglück und erleichtert Begegnen und Kommunikation, sondern das Bemühen, den jeweils anderen gemäß seiner Lebensbedingungen zu verstehen. Das gibt vorwiegend Befriedigung und am Ende vielleicht auch Glück. Insofern ist Anderssein weniger Last als Chance und gleichzeitig Herausforderung, sein eigenes Ich zu erweitern, ohne jeweils der Andere sein zu müssen.

Dass jedes Fremdsein das Selbstsein berührt, am Ende vielleicht sogar erschüttern kann, ist dem Fremdsein nie alleine als Minus anzurechnen. Das, was ich erlebe, erlebe ich als eigenständige, als ich-bezogene Person. Es ist meine Wahrnehmung und in keiner Weise des Anderen schuld. Im Extremfall muss ich mein eigenes Selbstsein in Frage stellen, bevor ich den vermeintlich einfacheren Weg gehe und den anderen ablehne oder wegschicke.  Je mehr man sich selbst als gültig erlebt, umso mehr kann ich dem anderen dessen Gültigkeit bestätigen, ohne dass dieser so sein oder so werden oder so leben muss wie ich.

Das schließt nicht aus, auch Distanzen dann zu erleben, wenn mir die Fremdheit durch den anderen zu groß und zu belastend wird. Für die Sozialbetreuungsarbeit kann das eine Pause bedeuten oder einen Überwechseln zu einem anderen Klientel oder auch zu neuer Anstrengung, mehr und entschiedener selbst zu sein – d.h. seine Musik zu verteidigen, seine Werte zu leben oder seine Essensgewohnheiten beizubehalten und sich nicht immer von den Tischen anderer ernähren zu wollen. Man muss schon selbst wissen, was man liebt und wer man ist, sich daran freuen und diesen Schatz auch dankbar leben.

Das Fremde und das Eigene

Wie so oft im Leben gilt es hier vor allem Brücken zueinander zu bauen, ohne dass einer von beiden jeweils der andere sein muss. Verstehen steht vor dem Erklären und Lieben vor dem Bewerten. Das ist leichter gesagt und getan, aber ein absolut lohnendes Vorhaben, das alle bereichert und jedem auch dient. Es wird nie ohne Selbstkritik vonstattengehen, aber auch nie ohne Belohnung bleiben. Das nachfolgende Wort aus dem AT spricht jedoch von einem „wie“ und zielt auf Wertschätzung, wenn es von „sie sollen euch gelten“ spricht.

Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.                                                                                                                     3. Mose - 19,34

Pädagogisch lässt sich daraus Verbindlichkeit ableiten, die sowohl dem Eigenen wie dem Fremden gilt. Und gleichzeitig werden Grenzen angedeutet, die man keinesfalls überlesen soll. Das mag Beruhigung genug sein, aber auch Trost.   

(1) Keineswegs nur als Ergänzungen bzgl. der Pädagogik gilt es anzufügen, dass eine Ausbildung wie z.B. unsere Sozialbetreuungsausbildung ein Dreifaches bewerkstelligen muss – das „Eigene“ der Studierenden zu fördern und das Verstehen wie auch den Respekt für das „Fremde“ zu sichern. Schließlich geht es um Formen und Methoden des Begegnens wie des Kommunizierens – also des Brückenbauens zwischen dem „Eigenen“ und dem „Fremden“. Und hier kann ja jeder Lehrer, jede Lehrerin selbst überlegen, wie sie das anstellt und was sie gemäß ihrem Fach bzw. UR-Gegenstand beizutragen vermag. 

(2) Das Zweite besteht darin, dass der Glaube, nicht im „Eigenen“, sondern beim „Fremden“ liege das Glück vergraben, auf Dauer nicht trägt. Der Andere mag, reich, gesund oder auch nur begabt sein – das alles ist man nicht selbst. Georg Fragberger formulierte, Wünsche habe dort Sinn, wo die Natur die Bedingung für deren Erfüllung vorgesehen hat. Alles andere laufe ins Leere. Dahinter verbirgt sich erneut Die Aufforderung, sich mit dem „Eigenen“ anzufreunden, diese zu kultivieren und zu entwickeln, wenn man dem Wohlbefinden, auch dem Glück auf die Spur kommen will. Dass man am Ende auch auf äußere Umstände bis hin zu jenem von außen auf einen zukommenden Quäntchen Glück angewiesen ist, ändert nichts an jenem Grundgedanken – das Glück liegt im „Eigenen“.

(3) Älter werdende oder mit einer Beeinträchtigung ringende Menschen stehen vor der Situation, entweder ganz oder teilweise ihr „Eigenes“ verlassen und sich in ein „Fremdes“ einzufinden und vielleicht auch einzufügen zu müssen. Dieser sicher oft sehr schmerzliche Prozess geht mit z.T. schwerem Abschiednehmen einher und sich am Ende vielleicht nirgendwo mehr zuhause zu fühlen. Hier bedarf es besonderes Verständnis, aber auch überaus konkrete und konsequente Hilfe, um nicht in einem unrealen Traum von “früher” zu versinken, sondern sich – so gut es geht – mit dem Neuen, auch wenn das nie mehr ganz die Heimat wird, anzufreunden. Hier sind langwierige Anpassungsprozesse notwendig, deren Komplexität man als Außenstehender wohl nie ganz verstehen wird. Kann man etwas aus seinem früheren Leben – z.B. Möbel, Bilder, Foto Lieder oder gar ein Haustier - mit sich in das neue Leben nehmen, mögen sich Verlustgefühle mildern; dennoch  bleiben nicht selten neben vielen guten Erinnerungen all das Alte viele schmerzhafte Narben zurück. Doch so ausgeliefert ist man nicht. Jedem stehen Handlungsspielräume zur Verfügung und damit die Chance, jene Transformation, konkret die Veränderungen als Wandel zu begreifen und diese sinngefüllt zu gestalten. (vgl. dazu Viktor Frankl) Die Brücke mutig vom „Eigenen“ in das Neue zu begehen und zu versuchen, im „Fremden“ nur „heimisch“ zu werden, genügt aufs Ganze gesehen nicht. Es kommt auf die Selbstgestaltung an!

 

Im Sept. 2o15               

Helmut Rockenschaub im gemeinsamen Nachdenken und Dialog mit Dieter Fischer     

Die verwendeten Zitate entstammen folgender Literatur:

FRABERGER, Georg (2013) Ohne Leib mit Seele. Salzburg: Ecowin Verlag.