Unsere Freiwilligen stellen sich vor

Im Einsatz für AsylwerberInnen und anerkannte Flüchtlinge

Elisabeth Schiller fungiert in unterschiedlichen Rollen als "Integrationshelferin". 

Wo und wie engagieren Sie sich derzeit als Freiwillige?

Begonnen hat alles im Sommer 2015, als nahe unseres Wohnortes im Bezirk Urfahr Umgebung an die 70 AsylwerberInnen untergebracht wurden. Seither bin ich auf vielfältige Weise für sie und jetzt auch für anerkannte Flüchtlinge tätig.

Im Moment bin ich vor allem Freundin einer afghanischen Familie mit drei Kindern im Alter zwischen drei und zehn, die hier in der Nähe wohnt. Eine zweite afghanische Familie ist nach Wels verzogen, die sehe ich leider nur mehr alle paar Wochen.

Ich sehe mich in ganz verschiedenen Rollen als „Integrationshilfe“: als Bildungscoach, Nachhilfelehrerin, Gesundheitsberaterin, Begleiterin für Arztbesuche. Wir machen Ausflüge oder gehen ins Kino. Wenn es Probleme mit der manchmal nicht ganz unkomplizierten österreichischen Bürokratie gibt, leiste ich Hilfestellung - oder auch ganz banal bei Fragen der Kosmetik. Für die Kinder bin ich so etwas wie eine Leihoma geworden.

Was motiviert Sie, sich für andere zu engagieren?

Für mich ist die Vorstellung ganz schrecklich, alles Vertraute zu verlieren – meine Familie, meine Freunde, meine Kultur. In einem fremden Land zu sein, mit einer neuen Sprache, mit einem völlig anderen sozialen Umgang – da wäre ich sehr froh, jemanden zur Unterstützung zu haben, der mir hilft, mich langsam in all das Neue einzufinden. Mir geht es gut, dafür bin ich dankbar, und daher möchte ich auch etwas zurückgeben.

Ganz besonders wichtig sind mir die Frauen, die traditionell unsichtbar und rechtlos waren. Ich finde es ungeheuer mutig von ihnen, plötzlich in der Öffentlichkeit und selbstverantwortlich zu agieren, wie es von ihnen hier erwartet wird. Das möchte ich stärken und unterstützen. Integration gelingt meiner Meinung nach nur über die Frauen.

Dazu kommt, dass es mich fürchterlich ärgert, wenn Menschen – auch sogenannte „Gebildete“ – pauschal alles Fremde verteufeln und jeglichen Kontakt ablehnen, beispielsweise zu Afghanen, und mich als naiven Gutmenschen hinstellen, weil ich mich so „ausnützen“ lasse. Das motiviert mich dann umso mehr!

Welche Geschichte(n) möchten Sie gerne mit anderen teilen?

Mir ist noch gut in Erinnerung, wie ich meine afghanische Freundin kennenlernte: ruhig und eher schüchtern. Einen anderen Mann als ihren eigenen anzusprechen wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Heute geht sie kellnern in einem Kaffeehaus – es war eine Herausforderung für sie, sich die Namen der Torten und der Kaffeespezialitäten zu merken. Sie besucht den Pflichtschul-Abschlusskurs in Linz, spricht ganz selbstverständlich mit ihren männlichen Kollegen und trägt kein Kopftuch, denn „Allah schaut ins Herz und nicht auf den Kopf“. In ihrem Kurs sitzen zwei junge Männer, die sich unmöglich benehmen, alle stören und über Mitschüler lachen. Voller Ärger über diese Burschen hat sie mir erzählt, wie sie die beiden zurechtgewiesen und ihnen gesagt hat, dass das so nicht geht. Wirklich unglaublich! Ich war richtig stolz auf sie!

Was haben Sie als besondere Herausforderung erlebt?

Die Verständigung war anfangs echt schwierig. Ich hatte mich ja nie mit der afghanischen Kultur befasst. Oft hatte ich das Gefühl, ich trete wieder einmal ins afghanische „Fettnäpfchen“. Das hat sich zum Glück ziemlich gegeben, wir kennen einander schon recht gut. Ich muss aber immer wieder aufpassen und mich zurücknehmen, auch wenn ich weiß, dass es schneller geht, wenn ich die Dinge in die Hand nehme – aber das ist nicht Sinn der Sache. Es ist und bleibt eine Gratwanderung, einen Ausgleich zu finden zwischen Hilfe auf Augenhöhe und Aufdringlichkeit, die beschämen würde.

Natürlich habe ich auch Leute kennen gelernt, von denen ich mich dann distanziert habe und wo wenig zurückgekommen ist und ich mir denke „schade“! Aber das ist eben so, wenn man mit Menschen zu tun hat. Und ich arbeite ja nicht um der erwarteten Dankbarkeit willen.

Was ist das Schöne an Ihrem Engagement?

Die Kinder meiner Freundin haben inzwischen großes Vertrauen zu mir. Sie gehen mit mir Zähne ziehen, sie erzählen es mir, wenn es um Gefühle von Ausgrenzung geht, und fragen mich um Rat. Wenn meine Enkeltochter da ist, spielen die Mädchen miteinander und vergessen einen Tag lang die Welt da draußen.

Für mich ist es wie eine erweiterte Familie. Und meine Freundin hat so viel Selbstbewusstsein als Frau gewonnen! Das freut mich riesig, weil ich daran vielleicht nicht ganz unbeteiligt bin.

Ich selbst habe auch sehr viel profitiert und tue es noch immer: Der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus ist manchmal beängstigend, aber immer ungeheuer bereichernd. Das möchte ich auf keinen Fall mehr missen. 

Was raten Sie anderen Menschen, die sich engagieren möchten?

Man soll sich überlegen, was man gut kann und was man gerne macht. Man kann auch „nein“ zu Dingen sagen, die einem nicht liegen. „Man muss nichts machen, man sollte aber auch die Offenheit haben, sich auf etwas Neues einzulassen!“, ergänzt Heinz Schiller, der inzwischen zu unserem Gespräch gekommen ist und ebenfalls zu den Helfern der ersten Stunde zählt. Aber das ist eine andere Geschichte…