Eine Nachlese...

...zur Weiterbildungsveranstaltung „Keine Angst vor anderen Religionen – Einblicke in das jüdische Leben“  von Leonhard Ditachmair

„Anfang Februar nahm ich an der von der Caritas von Franziska Mair, Pastorale Assistentin, für hauptamtliche und freiwillige MitarbeiterInnen organisierten Veranstaltung „Keine Angst vor anderen Religionen – Einblicke in das jüdische Leben“, teil.

Im Zuge meiner Vorbereitung für meinen Auslandszivildienst über den Verein „Österreichischer Auslandsdienst“ beschäftige ich mich intensiv mit der jüdischen Geschichte, insbesondere der Shoah. Ich werde meinen Gedenkdienst in der jüdischen Gemeinde in Paris durch die Mitarbeit in einer jüdischen Bibliothek unterstützen und somit ein Stück unseres düstersten Kapitels aufarbeiten helfen. Ich lese, diskutiere und besuche daher diverse Veranstaltungen zu diesem Thema.

Im Zuge der Veranstaltung, bei der wir auch eine kleine Führung durch das ehemals jüdische Linz machten, betrat ich nun zum ersten Mal eine Synagoge.

Ich erinnerte mich während des Besuches an Maria Donner, eine Frau, die ich bei einer Veranstaltung kennengelernt hatte. Sie erzählte beim diesem Treffen, dass sie als kleines Mädchen als Teil der jüdischen Gemeinde in Linz lebte. In der Pogromnacht am 9. November 1938 war sie mit ihrer Familie in der Synagoge, als die Nazis diese in Brand setzten. Sie überlebte den Brand knapp, weil ihnen ein Nazi die versperrte Tür in letzter Sekunde mit dem Hinweis, dass es besser sei, erschossen zu werden, als lebendig zu verbrennen, öffnete. Die Synagoge brannte zur Gänze nieder. Die jüdische Bevölkerung in Linz schrumpfte in Folge auf null.

Wir konnten nun - mehr als 80 Jahre nach dem Brand in der wieder errichteten - 1968 neu eröffneten Synagoge mit der Präsidentin Charlotte Herman nicht nur über das Judentum diskutieren, sondern wurden eingeladen am Schabbat Gebet teilzunehmen.

Bei diesem Gebet wird mehr gesungen als gelesen. Man lernt zu verstehen, wo sich die Magie einer Religion versteckt: Die Kippa auf dem Kopf, das hebräische Gebetsbuch in der Hand, tauchte ich tief in das Judentum ein. Man lauschte gemeinsam, schüttelte einander die Hand zum Gruß „Schabbat Schalom“.

Eine Religion kann man nicht mit dem Kopf verstehen, man muss sie spüren. Ich frage mich, ob das gleiche geschehen wäre, hätten wir uns vor 80 Jahren bei einer solchen Veranstaltung die Hand zum Friedensgruß geschüttelt?“

Leonhard Ditachmair
leonhard.ditachmair@auslandsdienst.at 

Die nächste Veranstaltung in dieser Reihe wird übrigens den Schwerpunkt Buddhismus haben und findet im Frühjahr 2020 statt. (Nähere Infos im Weiterbildungsprogramm der Caritas 2020)

Leonhard mit einer Überlebenden der Pogromnacht.